Tiedemanns Elbansichten...

Meine wöchentliche Kolumne in den Elmshorner Nachrichten. Gestartet als sommerlicher Lückenfüller nach der WM 2006 laufen die Sekundenphilosophien nun schon im elften Jahr.

 

Eine Bahn voll wie zwei Eimer Wasser

 

Wenn man denkt, man denkt, dann denkt man nur, man denkt, man hat nun schon alles erlebt, alles gesehen und auch alles oft genug gehört und mit den eigenen sieben Sinnen Sämtliches erfasst, was einem diese wunderliche Welt in all ihrer Absurdität auch nur an Absonderlichkeiten bieten kann. Aber gerade in diesen Momenten, wenn man denkt, dass einen nichts mehr wirklich verwundern oder schocken kann, dann wird man immer wieder eines besseren belehrt. Keine Bange, es folgt nicht schon wieder eine Geschichte, die sich in einem Zug zugetragen hat.

 

Die Anzeige an Gleis 2 am Elmshorner Fluchtbahnhof zeigte am vergangenen Mittwoch noch ganz normal die fast schon traditionellen wenigen Minuten Verspätung für den Regionalexpress nach Hamburg an. Niemand am Gleis ahnte zu diesem Zeitpunkt auch nur entfernt, dass dieser mit der ursprünglichen Abfahrtszeit von 6:48 Uhr nicht das halten konnte, was er sonst so treu in seiner gesamten Unzulänglichkeit verspricht. Und mit der Ansage zur Einfahrt durch die Bahnsteiglautsprecher wenige Minuten später kam dann auch tatsächlich ein Zug in den Bahnhof gerollt.

 

Anstatt jedoch des feuerroten, brüllenden, elefantösen Elektromonsters mit seinen nicht minder eindrucksvollen fünf anhängenden, mächtigen und auf Hochglanz polierten Doppelstockwagen mit den so unverschämt sexy blauen Sitzen aus synthetischem Wohlfühlimitat für mehr als 600 entspannte Reisende und etlichen, gemütlichen Stehplätzen auf strapazierfähigem, abwaschbarem Kunststoff, tuckerte eine Art S-Bahn mit zwei kleinen Waggons dieselig den Bahnsteig entlang, die wohl sonst auf der Nebenstrecke zwischen Mullewupp und Knax eingesetzt wird. Allein das war schon bemerkenswert genug und ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte.

 

Vorm letzten Aufgabelort vor Hamburg was das komische Ding trotz Urlaubszeit und Sommerferien schon so voll war wie zwei Eimer Wasser, nur ohne den zweiten Eimer. Jede Modelleisenbahn im Reihenhauskeller kriegt mehr Leute mit! Und natürlich stieg in Elmshorn nahezu keiner aus. Dafür wollten etwa 300 Krieger mit. Wir sind Sparta!

 

Nicht wenige Nahverkehrsfetischisten (lassen Sie sich dieses Wort ruhig mal auf der Zunge zergehen), proppten sich tatsächlich in die beiden Waggons und verließen nach weiteren wenigen Minuten per Schleichfahrt Elmshorn. Ich winkte konsterniert und verstört dem Zug hinterher und wartete lieber auf den nächsten. Der sollte schließlich in wenigen Minuten kommen.

 

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 1. August 2017