Tiedemanns Elbansichten...

Meine wöchentliche Kolumne in den Elmshorner Nachrichten. Gestartet als sommerlicher Lückenfüller nach der WM 2006 laufen die Sekundenphilosophien nun schon im elften Jahr.

 

Wer überfährt den SOng Contest?

Als ich meinen Fahrlehrer damals in der Fahrschule einmal fragte, was zu machen wäre, wenn man aus Versehen eine Katze nur halb überfährt und man sie im Rückspiegel noch zuckend auf der Straße liegen sieht, war „Dann drehst Du am besten um und fährst noch einmal drüber, damit befreist Du das Tier von seinem Leid!“ die gefühllose und aus ethischer Sicht auch vertretbare Antwort.

 

Bezogen auf den European Song Contest bedeutet das, dass wir seit Jahren zwar das Zucken im Rückspiegel sehen, aber bislang noch keiner umgedreht ist, um den Rest zu erledigen. Im Gegenteil, wir halten diesen unsäglichen Elendswettbewerb, der unter dem Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson mal eine wirklich charmante Veranstaltung darstellte, als die Welt noch schwarz-weiß war und Udo Jürgens mit Betonscheitel, Fliege und weißem Einstecktuch „Mercie Cherie“ ins Mikrofon hauchte, stets kurz vorm Verrecken weiterhin am Leben.

 

Ich kann ja verstehen, dass man sich in früheren Zeiten einmal in den netten, unschuldigen Sängerwettstreit verliebt hat und heutzutage den gesamten trashigen Firlefanz alternativlos zum Zeitgeistkult hochstilisiert, wenn sich in jedem zweiten Beitrag junge, BH-lose Künstlerinnen mit Mega-Dekolletés von hier bis unter die Gürtellinie von Windmaschinen die Nippel hart pusten lassen und die mehr als fragwürdige Punkteverteilung aus 75 (teils unbekannten) europäischen Ländern länger dauert als der eigentliche Wettbewerb selbst.

 

Die Chance sich als Kulturnation mit Anstand von diesem überkandidelten Ringelpiez mit dem aktuellen Halbniveau einer Folge „Germany next Topmodel“ zu verabschieden, hat man meiner bescheidenen Meinung nach bereits 1982 verpasst, als die erst 17-jährige Nicole Hohloch (ja, sie hat tatsächlich einen Nachnamen) im Kleid ihrer Oma und einer Frisur aus Zuckerwatte versteckt hinter einer weißen Gitarre so groß wie ein kleines Segelboot den ganzen Zirkus sogar gewann. Da hätte man es eigentlich gut sein lassen sollen.

 

Und heute? Anstatt „ein bisschen Frieden“ zu genießen, quälte Deutschland sich die letzten drei Jahre mit fadem Jammerpop zuckend zu zwei letzten und einem vorletzten Platz im Endklassement. Und um diese Bilanz fundamental zu untermauern, schicken wir dieses Jahr einen Ed-Sheeran-Abklatsch als weiteres Opfer ins Rennen. Da hilft auch keine Windmaschine mehr. Es muss jetzt wirklich mal einer umdrehen und dem Leid ein Ende bereiten.

 

 

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Tiedemanns Elbansicht vom 27. Februar 2018