Auf der Strecke liegen die Nerven blank

Bislang machte ich mir wirklich ernste Sorgen, wie ich nach der Rente einmal gut leben können würde. Ich hatte Angst vor Altersarmut und fragte mich immer, ob ich mir später noch einfachste Luxusgüter (eine Fernsehzeitung) und schlichtes Vergnügen (Fernsehen) leisten werden kann, ob ich ein eigenes Dach über dem Kopf haben und ob ich mit meinen Kapitalanlagen und Altersvorsorgen auskommen werden würde.

 

Seit letzter Woche ist mir das alles jedoch vollkommen piepe, denn ich weiß, dass ich das Rentenalter gar nicht erreichen werde und mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in den nächsten Wochen die ultimative Biege mache und wortwörtlich auf der Strecke bleibe.

Vergessen Sie jetzt mal bitte alles, was ich jemals die ganzen Jahre an dieser Stelle über das Bahnfahren geschrieben habe und alles, was ich bislang über die desolaten Zustände im Regionalverkehr zwischen hier und Hamburg öffentlich gemacht habe. Das war alles ein Ponygeburtstag auf dem Kinderhof und nichts gegen das, was derzeit zwischen Elmshorn und dort in der Eisenbahn passiert.

 

Alle Menschen, Fahrräder und Hunde (und das sind nicht gerade wenige), die mit ihrem Gepäck per Zug von der Westküste, von Flensburg und von Kiel nach Süden wollen, müssen zwangsweise durch den Engpass Elmshorn und von dort fuhr zumindest letzte Woche täglich nur ein Zug pro Stunde weiter. Es bedarf da also nicht viel an Fantasie sich die mehr als chaotischen Verhältnisse vorzustellen, wenn man sie selbst nicht erlebt und zweimal täglich eingepfercht wie ein Mastschwein im Viehtransport zur Schlachterei in der Bahn steht.

 

Und einer dieser armen Hunde war ich. Ich hatte schon den allerletzten Stehplatz ergattert und wartete, dass die Türen schließen und der Zug mit seinen ca. 1000 Fahrgästen endlich losfährt, da kommt in letzter Sekunde noch ein junger Mann rabiat in den Zug gesprungen und keilt sich auf mehr als Tuchfühlung zwischen mich und meinen Vordermann, obwohl dort kein Platz mehr war. Sein Hintern war mir näher als der eigene und da er keine Anstalten macht seine Position zu ändern, schob ich ihn kommentarlos, aber bestimmt zur Seite, weil mir so viel Intimität zwischen Oberschenkeln und Brust unangenehm ist. Er war sofort auf 180 und beschimpfte mich zwar recht übel, aber inhaltlich ziemlich unkreativ.

 

Mit Entspannung der Gesamtsituation ist vorerst nicht zu rechnen. Also entweder machen meine Nerven das ist länger mit oder der nächste Typ mit Kurzschluss haut mich um. Falls wir uns also nicht mehr sehen – machen Sie es gut!

 

Tiedemanns Elbansicht vom 10. April 2018

 

#Elmshon #Pinneberg #Hamburg #Bahn #DB #DeutscheBahn #Regionalexpress #Baustelle #InvollenZügen #AufderStreckebleiben #Schienenersatzverkehr #SofortaufsMaul #Nervenblank #LeckmichanderLok


Wie ein Mensch sich doch verändern kann

Man hörte sie von Weitem schon. Im Supermarkt faltete gerade eine Mutter ihre etwa zwölfjährige Tochter wegen irgendeines Krams, der scheinbar unbedingt vor Ort bequatscht werden musste und nicht intern zuhause geklärt werden konnte, nach allen Regeln der Kunst auf Briefmarkengröße zusammen. Sie zog dabei jegliche nur bekannten Register der angewandten Erziehungswissenschaft und sparte nicht mit den schwersten pädagogisch anerkannten Kalibern, wie etwa „da muss man sich ja schämen“, „und so undankbar immer“ und der unumstrittenen, absoluten Primärwaffe der Kinder- und Jugendpsychologie: „wohl mal das Handy wegnehmen“.

Mutter Oberin achtete scheinbar penibel darauf, dass sie auch wirklich über mehrere Gänge zu hören war, und dass der öffentliche Schauprozess möglichst publikumswirksam rüberkam. Also bei mir funktionierte das wunderbar und ich tat mir die Diffamierung der blassen Zahnspangenmaus gerne an, denn ich hatte etwas Zeit und zudem auch keine Tiefkühlware im Einkaufswagen.

Wie ich da so wie zufällig stand und so tat, als würde ich Preisschilder auswendig lernen, aber in Wahrheit der verbalen Demontage beiwohnte, fiel mir langsam auf, dass ich das zeternde Mutterschiff irgendwie von irgendwoher kannte. Irgendwas an ihr kam mir so seltsam bekannt vor. Es waren nicht ihre mächtigen X-Beine, die in Camouflage-Leggings steckten, es waren nicht ihre vernachlässigten Haare, die wie wirres, trocknes Gestrüpp einer toten Hecke in allen Richtungen von ihrem dicken Kopf abstanden und auch nicht ihr Volumen, dessen Verdrängung schon fast in Bruttoregistertonnen zu errechnen wäre. Nein. Es war ihr Gesicht, welches ich kannte und als sie mir beiläufig in die Augen sah, da wusste ich, wer sie war.

Es muss über 30 Jahre her sein, dass ich für das aparte, schüchterne Mädchen, welches diese sich nun so schrecklich aufführende Frau tatsächlich mal war, außerordentlich schwärmte und sie auf dem Schulhof pausenlang heimlich beim Gummitwist oder Aufklebertauschen beobachtete. Ich denke, es war ihre so zurückhaltende und unprätentiöse Art, die mich damals so an ihr faszinierte.

Von der scheuen Lieblichkeit, die mich einst so fesselte, war nichts mehr übrig und das trompetenhafte Gemotze war sogar mir super unangenehm, obwohl ich nicht der Adressat der Schelte war. Wie damals in der 8. Klasse drehte ich nun auch im Supermarkt eine Ehrenrunde, jedoch nur einmal durch den Laden und die dauerte auch kein ganzes Jahr. Ich brauchte Abstand, Abstand von etwa 30 Jahren.

 

Elmshorner Nachrichten vom 3. April 2018

 

#Elmshorn #Supermarkt #Einkaufen #Muttertier #Mecker #ÄrgerimRevier #Handywegnehmen #Kindwegnehmen #Schauprozess #wiekannmannur


Warum man niemals Symptome googeln sollte

Ich bin in einem Alter angekommen, in dem man morgens aufwacht und sofort irgendwas hat, was einem wehtut und sei es nur der Verstand. Neben den üblichen Wehwehchen und dem desolaten Geist hab ich seit Wochen zusätzlich noch so Schmerzen im linken großen Zeh. Nicht immer, nur beim Gehen, Treppen steigen (rauf, und vor allem aber runter), beim Schuheanziehen, beim Springtau Springen, vor Kälte auf dem Bahnsteig auf der Stelle hüpfen und ganz besonders, wenn ich was aus dem obersten Regal holen will und mich dazu auf die Zehenspitzen stellen muss. Nur wenn ich sitze, dann geht’s.
Es tut zwar echt weh, aber es ist immer noch auszuhalten. Es nervt, aber um damit zum Arzt zu gehen und sich derzeit in ein Wartezimmer voller virenverseuchter und dahin siechender Erkältungszombies zu setzen, dazu ist es nicht schlimm genug. Allein aus purer Neugier, vor lauter Langeweile und der Annahme durch eine selbst auferlegte Verhaltensänderung mir selbst etwas Linderung am anderen Ende meines Körpers zu verschaffen, hab ich etwas gemacht, was man im Grunde niemals machen sollte, wenn man ein körperliches Leiden hat, den Verdacht auf eine Krankheit, einen Ausschlag entdeckt oder sich nicht wohlfühlt! Ich habe die Symptome im Internet gegoogelt. Normalerweise führen solche Recherchen unweigerlich zu brutalen Amateurdiagnosen von Feierabendexperten und Hobbyärzten, die den verlässlichen Beginn einer absolut unheilbaren Krankheit prognostizieren und unweigerlich den baldigen Tod in ein paar Wochen voraussagen.
Ich habe einfach nur „großer Zeh“ und „Schmerzen“ eingegeben und ein paar Klicks später gewusst, dass ich das nicht hätte machen sollen. Man kommt unweigerlich auf Seiten, die sich mit Gelenkverschleiß, Arthrose, Pest, dem aus den Harry-Potter-Romanen zu entkommenden Zauberspruch „Hallux rigidus“ und Amputation beschäftigten und ultrahochauflösende Bilder von hässlichen, ungepflegten, dicken Quanten zeigen, bei denen mit Operationsklemmen die Knochen freigelegt sind und mit fiesem Besteck in der Wunde herumgeprokelt wird. Das will man nicht sehen.
Versucht man die Bilder aus dem Kopf zu bekommen und probiert einen anderen Suchweg, etwa mit den Schlagworten „großer Onkel“ und „wehtun“ wird das Gesamtergebnis nicht wirklich besser. Nein, man bekommt Treffer, die auf eine ganze andere Art von Qual zielen. Also mache ich nun das Einzige, was noch hilft - ich ignoriere den Schmerz einfach.

 

Elmshorner Nachrichten vom 27. März 2018

 


Mit der Cola am Ende der Nahrungskette angekommen

Nun kann man sich selbstverständlich methodisch modern und bewusst ernähren, und als überzeugter Vegetarier, Veganer, Flexitarier, Pescetarier, Frutarier, Rohkostarier, Vulkanier oder Dinosaurier sich glücklich der zufriedenen, politisch korrekten Verdauung hingeben und geordnet nach den Richtlinien von Clean Eating, Low Carb, Paleo oder Primal weitgehend tierfrei essen und stundenlang eine karge Speise aus Dattelextrakten und Spuren von Nüssen vorbereiten, welche erstens nicht sättigt und zweitens den stundenlangen Aufwand nicht lohnt, dafür jedoch die ganze Küche ins unreinste Chaos stürzt. Ja, man kann auch nackt im Wald wohnen, dort im Erdboden nach Wurzeln wühlen, selbst geschöpftes Grabenwasser aus den Handflächen trinken und zum Nachtisch genüsslich an der Baumrinde lecken.

Und man kann natürlich immer noch ohne Illusionen und jegliches Interesse an irgendeiner Nachhaltigkeit nach wie vor der klassischen Studenten-WG-Cuisine folgen, nach der man sich auch mal nur so auf die Schnelle zu 100 % kontrolliert lebensmittelfreies Fast Food reinschaufeln oder mit ein paar Resten und der Fix-Tüte ein Essen herstellen kann, welches die Bezeichnung „Nahrung“ nicht mal ansatzweise verdient. Es ist preiswert (um den Ausdruck „billig“ bewusst zu vermeiden), wenn man sich mit heißem Wasser Kartoffelbrei aus der Packung aufgießt und dazu kalte Knackwurst aus der Dose (die Rumkugel unter den Fleischprodukten) mampft. Im Grunde ist das zwar keine richtige Mahlzeit, dafür aber etwas, was den Bauch verlässlich füllt. Übrigens bin ich mir außerdem sicher, dass Dr. Oetker kein Arzt ist.

Wer jedoch seinen Körper nicht einmal ansatzweise respektiert und sich selbst und der Öffentlichkeit dazu auch noch beweisen will, dass er nicht mit Geld umgehen kann, der kauft sich am besten eine Cola aus dem Automaten auf dem Bahnsteig. Dort kostet ein Liter der Flüssigkeit, die laut einer von fürsorglichen Großmüttern unterstützen Studie über Nacht ein Stück Fleisch schneller eliminiert als ein Schwarm hungriger Piranhas, stolze 2.90 € (ohne Pfand) Supermarkt zahlt man dafür gerade mal 68 Cent.

Die bemitleidenswerten Blicke der Umherstehenden gibt es jedoch gratis, wenn man beschämt von der eigenen Sucht nach in Schmutzwasser aufgelösten 18 Stück Würfelzucker vor dem Apparat in die Knie geht und seine Hand ungewiss in eine nicht einzusehende Öffnung steckt. Dann weiß man, dass man jetzt am Ende der Nahrungskette angekommen ist.

 

Elmshorner Nachrichten vom 20. März 2018

 

#Elmshorn #Ernährung #Vegan #Vulkan #CleanEating #LowCarb #FastFood #EssenausderTüte #Restefix #Automatenfutter #Cola #AmEnderderNahrungskette #LecknichtamWürfelzucker


Es muss nicht immer die Hochkultur sein

Um das Fazit dieser Episode schon einmal vorwegzunehmen: Ich bin tatsächlich einsichtig! Wider des eigenen Erwartens sogar. Es kann aber auch eine vorgezogene Altersmilde sein oder ich habe einfach einen schlechten Tag erwischt und bin unterzuckert, ohne ausreichendem Koffeinpegel oder ich brauche lediglich jemanden, der mir mal kräftig eine runterhaut. Kann auch sein, dass ich morgen schon wieder bei Verstand bin, fest steht für mich aktuell nur: Es muss nicht immer nur die Hochkultur sein, es gibt auch einen großen Bedarf an Kitsch, Trash und niederstem Schund. Einen sehr großen sogar! Das wollte ich bislang nicht so recht wahr haben.

 

Seichte Schlagermusik mit inhaltslosen Texten, alles bei RTL2 und selbst Fantasy Romane mit romantischen Drachen und schuppigen Vampiren (erdacht von an der Realität verzweifelten Hausfrauen) haben genauso ihre Berechtigung, wie das Tiefgründige, Feinsinnige und Diffizile. Ja, es ist total okay, wenn man eine Folge vom „Bachelor“ spannender als einen Krimi findet und letzte Woche von seinen sentimentalsten Gefühlen übermannt wurde und hemmungslos mitweinen musste, als die fast menschlich wirkende Vampirin Heidi Klum für die arglosen Rehkitze Isabella, Franziska und Karoline leider kein Foto parat hatte, weil eben diese beim Shooting zwar ganz okay performt haben, aber den entscheidenden Walk einfach zu unprofessionell absolvierten. Da ist die Welt einfach nur ungerecht.

 

Bislang dachte ich immer, dass Unterhaltung auf einem hohen Niveau das Nonplusultra des geistigen Vergnügens darstellt und alles unter dem Horizont von Nietzsche, Schopenhauer und Gottschalk nichts weiter ist, als die berühmte Torte ins Gesicht bei „Väter der Klamotte“. Aber das stimmt einfach nicht. Deutschland ist zwar das Land der Dichter und Denker, der geistigen Größen und hervorragenden Wissenschaftler und Erfinder; das Land von Wolfgang Goethe, aber auch das Land von Wolfgang Petry. Und das Land, das das nexte Topmodel sucht.

 

Am Ende ist es doch vollkommen egal, ob man sich auf dem Level eines Nobelpreisträgers amüsiert oder aber den Akkusativ für den Ladezustand des Smartphones, das hohe C für einen Orangensaft und Heidi Klum für die wichtigste Frau in Deutschland hält. Andere brauchen Monate um eine Regierung zu bilden, die unfehlbare Heidi erkennt dafür in nur einem Augenblick, wenn eine auf hohen Absätzen nicht laufen kann. Und darauf kommt ja es ja nun mal wirklich an!

 

Elmshorner Nachrichten vom 13. März 2018


...dazu eine Lesermeinung - "... und werden Sie wieder normal!"


Wo die Eitelkeit endet, fängt noch lange keine Mütze an!

Während ich mich die letzte Woche lediglich mit Kleidung, die für eine Antarktisexpedition taugt, nach draußen wagte, nur in langer Unterwäsche unter der Thermohose, Kniestrümpfen aus Alpakawolle und vier Lagen Oberbekleidung aus dem Bauchfell dutzender Angorakaninchenbabys das Haus verließ, und dazu mit Wintermantel, Pudelmütze, Schal und Handschuhen bis kurz vor die Gesetzeswidrigkeit vermummt war, rannten nicht wenige Mitmenschen weitaus sommerlicher herum.

 

Ich meine dabei nicht die ganzen Jugendlichen und Schüler, die sich nie im Leben und bei nicht einmal 30 Grad unter null die aufwendig zurechtgelegte Frisur durch eine uncoole Mütze ruinieren oder ihren Status als hipper Teenager durch das Tragen einer zwar wärmenden, aber vorsintflutlichen Erfindung namens Winterjacke aufs Spiel setzen würden. Das ist ja normal, dass man sich in dem Alter antizyklisch zum Wetter und zum Anlass und vor allem diametral zu den elterlichen Anweisungen und Vorstellungen kleidet.

 

Nein, ich rede von Männern und Frauen meiner Generation, die eigentlich fern jeder Eitelkeit altersbedingt darauf achten sollten, dass ihre Nieren immer schön warmgehalten werden und der Rest des Körpers ebenfalls vor Temperaturverlust geschützt ist, wenn es draußen so kalt ist, dass man innerhalb einer halben Stunde aus kochendem Wasser Eiswürfel auf dem Fensterbrett herstellen könnte. Aber wenn das Gemüt schon ein bisschen Forst abbekommen hat, ist im Grunde nichts mehr zu retten.

 

Zwar haben sie alle einen drei Kilometer langen Schal von hier bis Halstenbek umgelegt, aber auch nur, weil es die Mode derzeit so diktiert. Der Rest der Kledage ist stringent auf Anfang Juli abgestimmt, statt auf Ende Februar. Oben nicht mehr als eine schicke Jacke, untenrum etwas, was den Namen Hose nicht mal ansatzweise verdient und an den Quanten stecken unvermeidbar diese ewigen Chucks. Das sind diese dünnen Stoffturnschuhe, die im Hochsommer und bei Hitze kurz nach dem Anziehen den Fuß nicht nur im eigenen Schweiß ertränken, sondern dazu auch noch am Ende des Tages derart miefen, als wäre die Biotonne vier Wochen lang nicht von der Müllabfuhr abgeholt worden.

 

Jetzt könnte man diesen Menschen natürlich zugestehen, dass sie in diesem Aufzug nicht frieren, aber eine durch das Polyelastan hindurch zu erkennende Gänsehaut, halb steif gefrorene Finger und zitternde, blaue Lippen zeugen vom genauen Gegenteil, doch gegen kalte Eitelkeit helfen bekanntlich keine warmen Worte.

 

Elmshorner Nachirchten vom 6. März 2018


Wer überfährt den Song Contest?

Als ich meinen Fahrlehrer damals in der Fahrschule einmal fragte, was zu machen wäre, wenn man aus Versehen eine Katze nur halb überfährt und man sie im Rückspiegel noch zuckend auf der Straße liegen sieht, war „Dann drehst Du am besten um und fährst noch einmal drüber, damit befreist Du das Tier von seinem Leid!“ die gefühllose und aus ethischer Sicht auch vertretbare Antwort.

 

Bezogen auf den European Song Contest bedeutet das, dass wir seit Jahren zwar das Zucken im Rückspiegel sehen, aber bislang noch keiner umgedreht ist, um den Rest zu erledigen. Im Gegenteil, wir halten diesen unsäglichen Elendswettbewerb, der unter dem Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson mal eine wirklich charmante Veranstaltung darstellte, als die Welt noch schwarz-weiß war und Udo Jürgens mit Betonscheitel, Fliege und weißem Einstecktuch „Mercie Cherie“ ins Mikrofon hauchte, stets kurz vorm Verrecken weiterhin am Leben.

 

Ich kann ja verstehen, dass man sich in früheren Zeiten einmal in den netten, unschuldigen Sängerwettstreit verliebt hat und heutzutage den gesamten trashigen Firlefanz alternativlos zum Zeitgeistkult hochstilisiert, wenn sich in jedem zweiten Beitrag junge, BH-lose Künstlerinnen mit Mega-Dekolletés von hier bis unter die Gürtellinie von Windmaschinen die Nippel hart pusten lassen und die mehr als fragwürdige Punkteverteilung aus 75 (teils unbekannten) europäischen Ländern länger dauert als der eigentliche Wettbewerb selbst.

 

Die Chance sich als Kulturnation mit Anstand von diesem überkandidelten Ringelpiez mit dem aktuellen Halbniveau einer Folge „Germany next Topmodel“ zu verabschieden, hat man meiner bescheidenen Meinung nach bereits 1982 verpasst, als die erst 17-jährige Nicole Hohloch (ja, sie hat tatsächlich einen Nachnamen) im Kleid ihrer Oma und einer Frisur aus Zuckerwatte versteckt hinter einer weißen Gitarre so groß wie ein kleines Segelboot den ganzen Zirkus sogar gewann. Da hätte man es eigentlich gut sein lassen sollen.

 

Und heute? Anstatt „ein bisschen Frieden“ zu genießen, quälte Deutschland sich die letzten drei Jahre mit fadem Jammerpop zuckend zu zwei letzten und einem vorletzten Platz im Endklassement. Und um diese Bilanz fundamental zu untermauern, schicken wir dieses Jahr einen Ed-Sheeran-Abklatsch als weiteres Opfer ins Rennen. Da hilft auch keine Windmaschine mehr. Es muss jetzt wirklich mal einer umdrehen und dem Leid ein Ende bereiten.

 

Elmshorner Nachrichten vom 27. Februar 2018


15 Euro für zu dämliches Gucken

Je länger etwas nicht mehr geschehen ist, desto eher kommt der Zeitpunkt, an dem es wieder passiert. Ist nur ein Spruch, aber so was von wahr! Somit war es also nach dieser Gesetzmäßigkeit wieder einmal nach langer Zeit soweit und ich wurde im Rahmen einer Kontrollmaßnahme zur Geschwindigkeitsüberwachung im öffentlichen Straßenverkehr von Behördenseite auf Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit überwacht. Und ich wurde tatsächlich geblitzt. Ich hab das im ersten Moment gar nicht richtig realisiert und dachte durch das plötzliche Aufleuchten zunächst, ich hätte eine Idee.

 

Erst dann hab ich gemerkt, dass es das nicht war und das rote Sekundenlicht aus dem braunen VW Bus mit den abgedunkelten Scheiben rechts am Straßenrand vom Adenauerdamm tatsächlich zu einer versteckten Geschwindigkeitskontrolle gehörte. Und was hab ich natürlich unweigerlich danach gemacht? Ich bin natürlich sofort auf die Bremse gestiegen. Als ob das dann noch was bringen würde.

 

Im Gegenteil. Man kann doch gerade dann aufs Pedal treten als gäbe es kein Morgen und wild hupend durch die Stadt jagen wie geistesgestört. Denn wie groß ist bitteschön die Wahrscheinlichkeit im selben Ort, am selben Tag noch einmal geblitzdingst zu werden? Eher gewinnt man einen Sechser im Lotto oder findet das Bernsteinzimmer.

 

Und natürlich war ich selber schuld. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich war zu schnell. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt auch unter günstigsten Umständen innerhalb geschlossener Ortschaften für alle Kraftfahrzeuge 50 Stundenkilos. Ich hatte mehr als 60 auf dem Barometer und das dann auch noch ohne jeglichen Anlass. Ich wurde weder von Gangstern verfolgt, noch hatte ich erhöhten Druck wegen einer vollen Blase.

 

Nun, wer Blödsinn macht, der muss auch dafür geradestehen. So bekam ich also Post von der Bußgeldstelle in Kiel, wo sich auf § 24 des Straßenverkehrsgesetzes berufen, und ich um die Überweisung von 15 Euro auf das Spendenkonto mit der Nummer 105443000032 gebeten wurde. Begeistert war ich nicht, dafür war das Foto anbei der Knaller.

 

Es war zwar superscharf (kein Vergleich zu den früheren, grobpixeligen Beweisfotos, auf denen man stets aussah wie durchgeprügelt), ich guckte jedoch so, als hätte ich noch nie im Leben überhaupt auch nur den Hauch einer Idee von irgendetwas gehabt. Mund halb offen, Augen halb geschlossen. Wer beim Autofahren so dermaßen dämlich aussieht, der ist mit 15 Euro Verwarnungsgeld eigentlich noch gut bedient.

 

#Elmshorn #Straßenverkehr #Blitzer #Geschwindigkeitskontrolle #Tempo50 #15Euro #DummesGesicht #JaleckmichamTacho

 

Tiedemanns Elbansicht vom 20. Februar 2018


Alles für die Katz

Eine Lanze für ein Haustier zu brechen, welches es gar nicht verdient hat, ist schon etwas schwierig. Dreiviertel des Tages zu verpennen, abends Rabatz machen und den Rest der Zeit penetrant nach Futter verlangen ist nun mal keine Leistung, die belohnt werden darf. Zwar beschützt der Hund das Haus und holt immer noch das Stöckchen, vergöttert fürs Nichtstun wird jedoch nur die Katze. Und das schon bei den alten Ägyptern.

 

Die Katze ist nun aber bekanntlich der beste Freund des Menschen und so schätzt dieser im Gegenzug die schon fast sprichwörtliche katzenhafte Treue. Deswegen würden viele von uns eher ihre auf das permanent haarende Viech allergischen Kinder weggeben, als diese kleine, süße Stupsnase auf Samtpfoten nachts in den 100 Kilometer entfernten Wald zu fahren und an den dicksten Baum zu binden. Dann eher die Gören.

 

Und weil die Katze an sich nun mal so ein toller Typ ist, muss man sich auch gut um sie kümmern. Deswegen bereiten wir ihr nicht nur wie selbstverständlich eine Trockentoilette aus Betonit und Calciumsilikathydrat in der Küche, was bedeutet, dass sie in dem Raum defäkieren darf, in dem wir unsere eigene Nahrung zubereiten, sondern wir geben ihr auch nur das Beste zu essen und auch zu trinken.

 

Neulich im Supermarkt dachte ich, mich trifft der Schlag. In einer Gitterbox sah ich Tetrapacks mit Katzenmilch, also einem Getränk speziell für die Bedürfnisse des Tiers. Ich glaub, es hackt! Bis dahin wusste ich nicht, dass es so etwas wie Katzenmilch überhaupt gibt und vor allem nötig ist. Die Verpackungsaufschrift klärte mich an Ort und Stelle aber auf, dass Kuhmilch für die kleinen Feinschmecker und Küchenscheißer zu viel Laktose enthält und bei ihnen zu Durchfallerkrankungen führt. Das will niemand. Die Katzenmilch ist zudem ohne Zuckerzusatz, dafür mit Vitaminen und Inulin (was auch immer das ist) zur Förderung einer gesunden Darmflora und auch noch laktosefrei.

 

Da muss man sich ja regelrecht schämen, dass die Katze seit Jahrtausenden mit simpler, gesundheitsgefährdender Kuhmilch abgespeist wurde wie der letzte Penner. Ich hoffe, der seit derselben Zeit dargereichte bescheidene Schmaus aus erlesenem Wildfleisch, hochwertigem Thunfisch und korrekter Bio-Pute half so mancher dahin darbender Miezekatze über die flüssige Vernachlässigung hinweg.

 

Übrigens ich selbst habe keine Katze, aber ich überlege ernsthaft, mir einen Waran aus dem Tierheim zu holen.

 

#Elmshorn #Katze #Mieze #Milch #Biokatze #KackindieKüche #AllesfürdieKatz #NixfürdenHund #LeckmichamNapf

 

Tiedemanns Elbansicht vom 14. Februar 2018


Brunchen – Orangensaft für 18,50 €

Im Grunde bin ich ja ein recht ruhiger Typ und nichts regt mich so wirklich auf, es sei denn Nena gibt ein Interview oder Leute bleiben am Ende der Treppe einfach im Weg stehen. Wenn Sie mich jedoch mal so richtig in Rage bringen wollen, dann fragen Sie mich nur mal, ob wir nicht mal zusammen irgendwohin zum Brunchen gehen wollen. Dann krieg ich sofort einen Blutdruck wie ein Hydrant. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres, als ein spätes Frühstück mit gefühlt 2000 bis an die Grenze des Erträglichen bestens gelaunten Menschen auf engstem Raum einzunehmen.

 

Was ist das eigentlich für ein Konzept? Man geht in ein Restaurant, sucht sich einen Platz, setzt sich und steht dann sofort wieder auf, um sich an eine kilometerlange Schlange anzustellen, in der man sich in der ersten halben Stunde mit den ganzen anderen Hungerleidern zentimeterweise an den Büffettisch heranschiebt. Bis man das erste Mal überhaupt was vom Speiseangebot zu sehen bekommt, haben sich bereits etliche Leute an einem vorbei gedrängelt, die zwar schon etwas zu essen haben, aber entweder noch Besteck brauchen, eine Serviette holen wollen oder sich damit heraus reden, sie hätten den Orangensaft vergessen. Als wenn das ein Argument wäre! Mein Vorschlag, sich für den Saft selbstverständlich wiederum hinten anzustellen, wird lautlos lachend als Witz angesehen und selbstverständlich ignoriert. Also ein Witz ist, dass Leute, die das ganze Jahr keinen Tropfen Orangensaft trinken, hier das Zeug gleich literweise in sich rein schütten. Zu dem Zeitpunkt bin ich bereits restlos bedient, ohne auch nur einen Bissen gehabt zu haben.

 

Und ist man endlich am Ziel angekommen und guckt, was die Raubtiere einem übrig gelassen haben, dann sieht man ein abgeerntetes Schlachtfeld. Brötchen sind alle, es bleibt nur noch Schwarzbrot. Auf einer länglichen Porzellanplatte liegt ein ausgeweidetes Gerippe, welches wohl mal ein stolzer Lachs gewesen ist. Wie das Tier zugerichtet da liegt, wurde es an dieser Stelle grundlos noch einmal getötet. Ein ähnliches Bild präsentiert sich einem an einer großen, leeren Pfanne, in der wohl mal Rührei war. Man erkennt es daran, dass außerhalb und um den Teflonkrater herum eine Corona aus kaltem Rührei liegt, weil die Serviettenholer und Saftvergesser übergierig beim Auffüllen auf die schon überladenen Teller die Hälfte fallen ließen. Kaffee gibt es gar nicht, nur eine ähnliche Flüssigkeit aus dem Kapselautomaten. Am Ende hat man für 18,50 € nicht mal so richtig was abbekommen, bis auf ein bisschen Orangensaft.

 

#Elmshorn #Brunch #Orangensaft #Lachs #Rührei #WiedieTiere #Jederfürsichselbst #KeinerfürOma #WerimGlacehaussitzt Das macht nicht einmal die #Groko Dann lieber #OlympicGames #LecktmichamBüfett

 

Tiedemanns Elbansicht vom 6. Febraur 2018


Herr Tiedemanns Gespür für Schnee

 

Und dann hatten wir doch noch weiße Weihnachten letzte Woche. Zugegeben etwas spät, aber als Bahnfahrer ist man an Verspätungen ja gewöhnt und im Grunde froh, wenn überhaupt noch etwas kommt. Ja, es hat geschneit. Ist zwar ungewöhnlich für die Jahreszeit, kann dann aber durchaus in dieser kühlgemäßigten Klimazone mit seinem gefühlt permanenten Dauerherbst zwischen Ende September und Anfang Mai doch schon einmal vorkommen. Wir hier im Norden sind ja noch einmal glimpflich davon gekommen, in anderen Teilen Deutschlands und Europas hat das Sturmtief „Friederike“ weitaus grässlichere Auswirkungen gehabt und dabei Leib und Leben nicht verschont.

 

Viele erwachsene Menschen aus diesem Landstrich haben ganze andere Niederschlagsmengen erlebt und auch ich habe die Schneekatastrophe von 1978/79 als frühe Kindheitserinnerung noch sehr gut vor Augen. Auch in den Folgejahren waren Schnee, Frost, Glätte und Eiszapfen an Dächern über Tage und Wochen immer wieder die regelmäßigen Begleiterscheinungen des Winters und das öffentliche Leben ging trotzdem wie selbstverständlich weiter.

 

Das ist heute scheinbar gar nicht mehr weiter vorstellbar. Fängt es heute an einem ganz normalen Donnerstagnachmittag wie aus heiterem Himmel auf einmal an zu schneien, dann sind die Leute auf einmal sofort freudigst erregt, machen Fotos oder filmen mit ihren Handtelefonen minutenlang das meditativ-melancholische Fallen der dicken Flocken, als sähen sie ein neugeborenes Eisbärbaby, was tapsig im Zoogehege durch die Gegend stolpert. Dann bleibt für einen Augenblick im Land, und überall wo sonst noch die gefrorenen Wasserkristalle poetisch zu Boden sinken, die Arbeit liegen und die Welt in Deutschland steht still. Im Sekundentakt bimmelt dann das eigene Hosentaschentelefon, weil Freunde und Bekannte, teils aus demselben Stadtteil, säckeweise Fotos mit verschneiten Straßen, Gärten, Garageneinfahrten und Parkplätzen schicken und einem an diesem Moment teilhaben lassen wollen. Nur zur Info: Ich sehe es doch selbst, ich arbeite nicht unter Tage oder im Schrank!

 

Der blanke Horror kommt erst etwas später, denn man weiß ja auch, dass nach dem Fallen der ersten Schneeflocke die unbegründete Panik ausbricht. Auf den Straßen regiert plötzlich das Chaos und die Hupe wird zum wichtigsten Teil am Auto. Busse fahren scheinbar gar nicht mehr, Fahrräder müssen geschoben werden und einzig auf die Bahn ist noch Verlass, denn die kommt auch bei Schnee selbstverständlich zu spät.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 23. Januar 2018


Ohne Smartphone: Der lebendige Tod

Zur Abwechslung einmal etwas in eigener Sache. Die gnadenreiche Tatsache das Prä-Smartphone-Zeitalter bewusst erlebt und auch gelebt zu haben, ließ mich kürzlich eine für manche Mitmenschen konfliktnahe Situation mit dem eigenen Handtelefon sehr stabil und ohne akute Störung des vegetativen Nervensystems überleben.

Durch widrige, teils selbst herbeigeführte Umstände hatte ich auf der persönlichen Funkgurke keinen WLAN-Empfang, dazu kein Datenvolumen mehr und nur noch eine restliche Akkuleistung von drei Prozent. Zum Glück gehöre ich einer Generation an, die trotz so eines unsäglichen Konglomerats puren Mangels durchaus den restlichen Tag problemlos und ohne gesundheitsgefährdende Nebenwirkungen weiter existieren kann, und nicht an einer persönlichen Kommunikationsapokalypse zugrunde geht.

Jede 14-jährige Regionalschülerin mit einem Suchtabonnement von Bibis Beauty Palast und dem unstillbaren Drang sich in Sekundenfrequenzen mit ihren Freundinnen durch Abkürzungen und kleine gelbe Zwinkerfratzen inhaltsschwer auszutauschen, wäre längst in eine schwere Existenzpanik verfallen mit den offensichtlichen Symptomen Erbrechen, Einnässen, Nasenbluten, Spliss und Heulkrämpfe. Das Smartphone ist für die humanoiden Frischlinge beiderlei Geschlechts zum lebenswichtigen Spenderorgan geworden. Eher könnten sie ohne Herz und Hirn leben. Und manche tun es sogar, genügend Beispiele laufen da draußen unbeaufsichtigt rum.

Das leere Gefühl des lebendiges Todes, also ohne funktionierendes Smartphone zu sein, können wir älteren Späteinsteiger in die mobile Sprachkommunikation mit gelber Telefonzellenvergangenheit und Flüstergesprächen auf zügigen Fluren, dem ehemals natürlichen Habitat von den schnurgebundenen Hausapparaten, gar nicht wirklich nachvollziehen. Wie selbstverständlich schalten wir ja am Ende des Tages das Ding auch aus und begeben uns somit freiwillig in die totale Unerreichbarkeit. Ein Vorgang, der für alle Menschen unter 25 Jahren, die denken Justin Bieber wäre tatsächlich ein Musiker (und voll süß) und Neymar der beste Fußballer ever, schier undenkbar ist. Man könnte ja schließlich in der Zeit zwischen Schlafen (in der Woche nicht vor 0:30 Uhr) und morgens zum dritten Mal mit Nachdruck vehement geweckt werden was verpassen; fragt sich nur was. Am besten fragen wir den Smartphone Doc oder Bibi vom Beauty Palast.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 15. Januar 2018


Das alles zusammen ist dann der ESC

 

Ironie an. Das fängt ja gut an. Ironie aus. Was läuft da eigentlich für ein unglaublicher Mist im Fernsehen! Man merkt es ja gar nicht mehr, nimmt es hin, abgestumpft. Da muss man sich am besten schon selbst eine reinhauen, um zumindest für einen Moment einen klaren Gedanken zu fassen. Und wenn Sie da irgendwie Hemmungen haben, die Hand gegen sich selbst zu heben, dann rufen Sie mich ruhig an, ich komme gerne dafür vorbei und erledige das ambulant bei Ihnen direkt vor Ort und Ihre Nachbarn dürfen sogar zugucken.

 

Das neue Jahr beginnt mit dem ewig selben Scheiß wie schon die ganzen Jahre zuvor. So müssen wir aktuell erneut „Deutschland sucht den Superstar“ ertragen, und das bereits zum 15. Mal in Serie und Deutschland sollte die Suche nun langsam mal aufgeben und einsehen, dass da keiner ist. Niemand! Jeder weitere Sieger bricht nur den Rekord seines Vorgängers im Schnellvergessensein. Wozu diese Sendung eigentlich gut ist, außer dass RTL dort anscheinend seine Kandidaten fürs Dschungelcamp heranzüchtet, weiß keiner.

 

Apropos, da wären wir schon beim nächsten sinnbefreiten Firlefanz unserer so hochgelobten Kulturgesellschaft und Günter Grass, Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt rotieren dazu glühend weiß in ihren Gräbern. „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ ist ein praktisches Kandidatenrecycling für den Kölner Privatsender und für uns eine große Herausforderung an den tugendhaften Glauben an den gesunden Menschenverstand, wenn halbbekannte D- und Doppel D-Promis Fischaugen und Koalahoden essen und abends beim Hungern am Lagerfeuer über Blähungen und ihre nicht minder windigen Karrieren, die nie welche waren, jammern.

 

Und wenn wir das dann irgendwie peinlichst berührt überstanden haben, dann kommt Heidi Klum mit ihrer eitlen Knochenparade hart um die Ecke gestöckelt und ruiniert an nur einem Donnerstagabend die jahrelange Erziehung von etlichen sich sorgenden Eltern, die ihren pubertierenden Töchtern jahrelang gebetsmühlenartig einbläuten, dass eine gute Schulbildung, gesunde Ernährung und sozial-philanthropische Gesamteinstellung das Maß aller Dinge ist, um erfolgreich erwachsen zu werden. Was wir zu sehen bekommen, ist jedoch der Lebenstraum der Sechzehnjährigen von heute - Geheule in Unterwäsche und kakerlakiges Gezicke um Nagellackentferner.

 

Und wenn das wiederum zu Ende ist, dann kommt das alles zusammen auf einmal, dann ist nämlich auch schon wieder dieser Elendswettbewerb ESC, der früher mal Grand Prix hieß.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 9. Januar 2018


Die Entschleunigung, wenn es um die Wurst geht

 

Ich hatte es eilig und war deswegen wenig entspannt. Ich wollte doch nur ein paar Scheiben Salami. Die Warteschlange aber ging bis auf den Bürgersteig hinaus und ich war der Letzte in der Reihe, doch nur für einen Moment. Schlurfenden Schrittes eilte von hinten ein Greis an mir und den anderen vorbei, wurde aber sofort von einer nicht minder jüngeren Frau mit Hut energisch zurückgepfiffen. „Öey! Hinten anstellen!“, war der knappe Befehl doch bitteschön die Reihenfolge einzuhalten, die das zeitliche Erscheinen am Ort natürlich vorgibt. Ich hoffte, dass es schnell gehen würde.

 

Vor mir warteten neun Leute, ich war Nummer Zehn, hinter mehr reihte sich bedröppelt der Schlurfer ein und vier Leute waren gerade dran. Es dauerte also! Ich weiß nicht, ob ich ein wirklich geduldiger Mensch bin, aber die Damen hinterm Verkaufstresen im Schlachterladen sind es unbestritten. Mit bewundernswerter Gelassenheit und stoischer Ruhe erfüllten sie emsig und freundlich bestimmend jeden Kundenwunsch und beantworteten kompetent jede noch so eigenartige Frage mit einem Lächeln.

 

Egal, ob 85,7 Gramm von der groben Feinen, drei Viertel Pfund gemischtes Hack vom Schwein oder Kalbsrouladen für vier Personen, von denen fünf gute Esser sind. „Haben Sie noch Mett?“ – „Nein!“ – „Nicht einmal ein bisschen?“ – „Nahein!!!“ Und natürlich die immerwährenden Erkundigungen nach den Inhaltsstoffen der Knackwurst (die Rumkugel unter den Fleischereiprodukten), des Weihnachtskasslers und der dösbaddeligen Gesichtswurst. Anders als bei Nutella wird nicht drin sein, was draufsteht.

 

Vom angespannten Getriebe eines Supermarkts, wo im Ernstfall einer Warteschlange einfach noch drei Kassen mehr aufgemacht werden, um den Strom der Einkaufswagenhektiker abzuleiten, hier keine Spur. Nach und nach wurde jeder ausführlich beraten und zu Ende bedient, auch die Frau mit dem Hut vor mir, die zuvor noch streng auf die Reihenfolge beharrte. Sie schien scheinbar ohne Einkaufszettel gekommen zu sein und verschaffte sich zunächst einmal in aller Ruhe einen Überblick von der reichhaltigen Auslage hinter Glas von rechts nach links und wieder zurück. Mittlerweile war ich vollkommen gedankenverloren und auf eine wunderbare Art entschleunigt. Ich war sogar so entspannt, dass ich nicht sofort auf das „Wer bekommt?“ reagierte und erst beim nachdrücklichen „Junger Mann!“ aufschreckte. Was ich eigentlich wollte, hatte ich vergessen. Irgendwas mit Fleisch wohl.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 2. Januar 2018


Der Glühwein ist ein seltsames Getränk

Glühwein ist wohl das seltsamste Getränk auf Erden. Schon, wenn man den Keramikbecher langsam zum Munde führt und noch bevor man den ersten Schluck überhaupt nehmen kann, beschlägt einem zuerst die Brille (sofern man denn eine trägt; sonst nicht). Dann atmet man unweigerlich diesen fies scharfen Gewürzdunst ein und bekommt sofort einen gewaltigen Hustenanfall von hier bis Halstenbek und läuft unweigerlich Gefahr das nahende Silvesterfest gar nicht mehr zu erleben. Vorteil der lautstarken Aspiration, die sich anhört, als würde ein Kettenhund gerade so richtig durchdrehen, ist, dass um einen herum die dichte Menschenmenge sich schnell zurückzieht und man auf einmal viel Platz hat.

 

Hat man sich wieder einigermaßen im Griff und die eigene Gesichtsfarbe kehrt von einem kräftigen Purpur langsam wieder ins gewohnt zarte Rosa zurück, nimmt man dann wirklich den ersten Schluck und verbrennt sich innerhalb einer Viertelsekunde Zunge, den vorderen Gaumenbereich und die Innenseite der Oberlippe an der noch fast siedenden Flüssigkeit. Vorteil dieser überhitzen Aktion ist, dass man für diesen Moment seine vor Kälte und Nässe tauben Füße vergisst und im Abgang den leicht bitteren Geschmack von Blut bemerkt und nur hofft, dass es sein eigenes ist.

 

Der zweite Schluck ist dann tatsächlich angenehm, zumindest von der Temperatur her. Rein geschmacklich sprengt es einem jedoch den Verstand und das Zahnfleisch kapituliert vor so viel Zucker und zieht sich freiwillig bis über die Wurzeln zurück. Und umdrehungsreichen Gehalt scheint das Getränk auch noch zu haben. Das Gesetz schreibt sieben Prozent Mindestalkoholgehalt für einen Glühwein vor. Viele enthalten aber bis zu zwölf Volumenprozente und mehr. Was das bedeutet und wie viel Gramm reinen Alkohol bei einem Becher Glühwein Sie zu sich nehmen, das rechnen Sie mal lieber selbst aus. Und je höher der Zuckergehalt, umso schneller geht der Alkohol ins Blut, steigt zu Kopf, lähmt die Zunge und beeinträchtigt das Sehvermögen.

 

Der letzte Schluck ist dann so kalt wie die eigenen Füße und kann auch gleich in den nächsten Straßengully gekippt werden, wäre er bloß nicht so teuer. Abhilfe schafft da nur ein frischer Glühwein, bei dem sich die oben genannten Befindlichkeiten schon weitaus milder darstellen und ab dem fünften Becher ist man mit dem Getränk dann vollkommen im spirituellen Einklang. Bis zum nächsten Morgen zumindest, da glüht es dann noch nach ziemlich nach…

 

Tiedemanns Elbansicht vom 28. Dezember 2017


Im Steindammpark wird nur die Hose dreckig

Früher oder später musste es ja mal wieder passieren. Das Gesetz der ziemlich sicheren Wahrscheinlichkeit; je länger etwas nicht passiert, desto eher kommt der Moment, dass es wieder geschieht. Dann kann man quasi nichts gegen machen.

 

Ich glaube, das letzte Mal war es in den späten Neunzigern, auch bei Glätte. Spätere Fälle nach umdrehungsreichen Feiern gab es zwar auch, die zählen im Grunde aber gar nicht, denn da hat der Lenker sich unglücklich verkantet oder Laternenmasten kreuzten urplötzlich den Weg. Letzten Mittwoch war ich aber vollkommen clean und trocken, nur die Straße war glatt und schmutzig und da habe ich mich tatsächlich mit dem Tretesel lang gelegt.

 

Normalerweise fahre ich ja vom Bahnhof aus durch den Steindammpark nach Hause, das ist der kürzeste Weg. Weil ich mir aber bei dem Sauwetter dort nicht die Hose dreckig machen wollte, nahm ich den Umweg über die Mühlenstraße in Kauf. Dort quälte sich bereits der Feierabendverkehr ungeduldig im Mathetempo vom Park-and-hide-Parkplatz hinter der Holzhandlung zur nächsten Hauptstraße. Kenner dieses Wegs wissen, dass sich Autos und Radfahrer hier die Straße teilen müssen und da kann es schon mal zu Konflikten kommen. Und um genau diese zu vermeiden, wechselte ich auf Höhe des Reisebüros bei abgesenktem Bordstein rechts auf den Bürgersteig, um dort die paar Meter bis zum nächsten regulären Fahrradweg auszurollen. Und eine Reise sollte ich machen, sogar ohne gebucht zu haben.

 

Da ich nun nicht gerade ein langsamer Radfahrer bin und zudem der Untergrund an dieser Stelle aus babyarschglatten Pflastersteinen besteht, die durch den mittlerweile eingesetzten Schneeregen den sicheren Halt des Fahrradreifens eh nicht mehr gewährleisten konnten, kam ich unglücklicherweise ins Schlingern. Jedoch nicht für lange, denn nach etwa einer Sekunde wurde dieser Zustand vom rechtslastigen Fallen abgelöst, und auch dieser physikalische Ablauf dauerte nicht lange und wurde vom abschließenden Aufprall auf den Fußweg beendet.

 

Noch ehe ich richtig lag stand ich schon gleich wieder auf, rein aus Bequemlichkeit. Ich kontrollierte die Funktionalität von rechtem Ellenbogen und Knie, mit denen mein Flug zu Boden jäh gestoppt wurde, und versuchte in der Dunkelheit zu erkennen, ob meine Kleidung was abbekommen hatte. Entsetzt musste ich feststellen, dass mein gesamtes rechtes Hosenbein vom Sturz saudreckig geworden war. Als hätte ich genauso gut auch durch den Park fahren können.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 19. Dezember 2017


Wer trennt eigentlich die Waren?

 

Hier, wer ist im Supermarkt an der Kasse eigentlich dafür verantwortlich den Warentrenner auf das Laufband zu legen - die Vorderfrau oder der Hintermann?

 

Bin ich verpflichtet nach meinem letzten Griff in den Einkaufswagen sofort einen der kleinen Plastikbalken, die parallel zum Laufband in einer eigens dafür eingerichteten Gleitschiene liegen, quer hinter meinen Senf zu legen, um der Frau an der Kasse so anzuzeigen, dass hier der Scanvorgang endet und sie weiß, dass sie mich jetzt fragen kann, ob ich Treuepunkte sammele oder meine Postleitzahl nennen möchte. Ich sag dann immer zwei-zwei-null-null und wenn die Kassiererin dann meint, dass da dann aber noch eine Zahl fehlt, dann tue ich jedes Mal überrascht, dass die Postleitstellen neuerdings fünfstellig sind. Seltsamerweise ist das Gespräch über die numerische Eingrenzung von Zustellbezirken dann jedes Mal abrupt beendet. Also an mir liegt es sicherlich nicht!

 

Oder muss ich, nachdem ich mit dem Einkaufswagen an der Kasse angekommen bin, sofort als Allererstes eine klare Abgrenzung zu dem ungesunden Mist der Leute vor mir in der Schlange schaffen und auch optisch zwischen Vollmilch und Vollmilchschokolade eine Grenze ziehen? Als ich das letztens nämlich nicht tat, und zwischen den Warenkolonnen auf dem Laufband nur eine Lücke von etwa 20 Zentimetern ließ, war die Kassiererin offenbar verwirrt und fragte die Frau vor mir, ob die Milch etwa auch noch zu ihr gehören würde, da tippte die sich empört an die eigene Stirn und prustete aufgebracht: „Bääh, Milch. Ganz bestimmt nicht!“

 

Um solche Bewertungen meines Ernährungsverhaltens künftig zu vermeiden, sollte ich mir am besten angewöhnen, sowohl den vorderen als auch hinteren Trennstab aufs Band zu legen. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, besonders in Läden mit langem Kassenlaufband und somit in selber Länge einhergehender Bobbahn für die lineallangen scharfkantigen und massiven Plastikstäbe. Um nämlich auch den Kunden am Ende der Kassengasse die Möglichkeit zu geben die Waren zu trennen, nutzen viele Kassiererinnen die physikalische Eigenart des elastischen Stoßes aus und donnern den Staffelstab mit ordentlich Schwung die Schiene entlang, bis er den Impuls nahezu ohne Reibungsverlust an die in Warteposition liegenden anderen Warentrennstäbe weitergibt. Wenn man da seine Finger zwischen kriegt, weil man gerade die Waren trennen will, dann kann das schon mal böse ausgehen. Am besten ist, ich bringe mir künftig meine eigenen Warentrenner mit.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 12. Dezember 1017

 


Wer vermisst denn schon die Achtziger?

Überall laden Diskotheken und andere Amüsierbetriebe mit Tanzmusikangebot, das in der Regel nicht von einer vor Ort aufspielenden Kapelle oder Gruppe aufgeführt, sondern allgemein durch mehr oder weniger professionelle Schallplattenfachkräfte von Tonträgern und immer öfter auch ausschließlich virtuell per Mausklick abgespielt wird, zu bunten Themenabenden ein, die einem auserkorenen und im Internet und durch Aushangreklame an Straßenlaternen öffentlich beworbenem Konzept folgen. Zumeist sind es Events, die beliebte Urlaubsziele, Jahreszeiten, alkoholische Getränke, menschliche Altersabschnitte oder aber zurückliegende (und so gut wie nie kommende) Jahrzehnte huldigen.

 

Zunehmend werden diese genannten Offerten der fast ausschließlich wochenendlichen Erheiterung in Kombination angeboten und so finden auch hier im Ort regelmäßig für die Jahrgänge von derzeit 1958 bis 1977 eintrittsgeldpflichtige Feiern mit Dekadenmottos aus dem Ende des letzten Jahrhunderts statt, bei denen zahlungswilligen Teilnahmeinteressenten, die ihr 30. Lebensjahr zum Zeitpunkt der Veranstaltung noch nicht vollendet haben, laut Plakatierung der Zutritt verwehrt ist. Obwohl, drauf wetten würde ich nicht. Und davon mal abgesehen geht doch eh keiner von denen da hin, höchstens um die eigene Mutter noch vor Mitternacht fahruntüchtig von dort abzuholen.

 

In Kurzform heißt das dann „ü40/ü50 70er und 80er Jahre Party“ - ein Name komplizierter als jede Matheaufgabe. Und überhaupt: Warum eigentlich? Eine 80er Jahre Party hat es vor 30 Jahren noch gar nicht gegeben! Wenn man damals (vor allem in dünner besiedelten Regionen) in bestimmte Discos gegangen ist, dann dachte man eh, man währe mit Betreten des Saals um etliche Jahre in der Zeit zurück gereist. Dort waren Holzclocks und Hosen mit Schlag immer noch modern, als sie anderswo schon längst wieder ihr modisches Comeback feierten.

 

Was für ein hässliches Jahrzehnt! Die Männer krempelten ihre Jackettärmel auf und dachten, es wäre schick und die Frauen versteckten sich in sackartigen Karottenhosen und aufgeplusterten Blusen mit Puffärmeln. Und von den 70ern brauch ich wohl gar nicht erst zu reden.

 

Seltsamerweise werden aber der Eintritt in Euro und die Getränkepreise von heute verlangt, und dass drinnen gequalmt werden darf, davon träumen auch nur naive Romantiker. Wenn ich die 80er tatsächlich mal vermisse, dann brauche ich nur an meine Schulzeit zu denken und schon hab ich wieder genug davon.

 

 

Tiedemanns Elbansicht vom 5. Dezember 2017


An der Nase des Mannes

Ich hänge am ausgestreckten linken Arm an der Halteschlaufe vom Bus. Es ist Feierabendzeit, es regnet und alle wollen nur noch nach Hause. Ich auch. Die Transportkapazität des Fahrzeugs hat die Belastungsgrenze schon an der zweiten Haltestelle mehr als erreicht und somit auch das Maß an Zumutbarkeit verlässlich überschritten. Ein nasser Hund, Imbissaroma, kalter Zigarettenrauch, ein quengelndes Kind, Gehuste, unnötig laute Kopfhörermusik und etliche olfaktorisch und auditiv bemerkenswerte Eindrücke mehr.  

 

All das kann ich eigentlich ganz gut ertragen und ziehe mich für diese Momente dann stets in mein geistiges Ferienhaus zurück. Dort hab ich Ruhe und alles ist schön und so wie es mag, selbst das Hässliche. Doch gelingt mir der mentale Psychotrip diesmal nicht, denn keine 30 cm vor mir starre ich auf einen durchsichtig klaren Tropfen aus Sekret, der zitternd, aber fest an der geröteten Nase eines älteren Mannes hängt. Was ich sehe, ist nicht schön, aber ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden. Wie ein Unfallgaffer auf der Autobahn ist es mir nicht möglich den offensichtlichen Blech- und Personenschaden zu ignorieren. Ich muss einfach hingucken, obwohl ich es eigentlich gar nicht will. Unweigerlich beginnt meine eigene Nasenspitze zu jucken und mehr als auffällig wische ich mit Daumen und Zeigefinger der freien Hand über meinen Riecher; in der Hoffnung mein Gegenüber zu einer ähnlichen Geste zu verleiten. Erfolglos. Er sieht mich nicht einmal an.

 

Der Bus ruckelt, bremst und fährt wieder an, doch der Tropfen hält sich dank der Oberflächenspannung hartnäckig wie Uhu. Ich wühle in der Hosentasche nach einem Taschentuch und schnäuze theatralisch hinein. Der Mann nickt mir nur zu. Dabei wackelt der Tropfen verdächtig und er scheint zu fallen, doch er bleibt. Faszinierende Natur, Welt der Wunder. Verdammt!

 

Ich muss es ihm sagen, muss ihn auf den feuchten Makel aufmerksam machen. Aber was soll ich sagen? Dass er da was hat? Dass er aus dem Zinken leckt? Dass er sich mal an die eigene Nase fassen soll? Das wäre übergriffig und distanzlos, denn anscheinend der Einzige, den es stört, bin ich.

 

Meine Station kommt und ich muss aussteigen. Der Tropfen hängt immer noch wie angeklebt an der Nasenspitze. Ich bitte den Mann mich zur Tür durchzulassen. Er macht mir Platz, dreht sich dabei zur Seite und eine Frau mosert laut und genervt: „Herrmann, nun putz Dir doch endlich mal die Nase! Der Mann hat schon die ganze Zeit hingeguckt!“

 

Tiedemanns Elbansicht vom 28. November 2017


Der letzte Zug für lange Zeit

Wie ein gestrandeter Wal kurz nach dem Verrecken liegt der entgleiste Zug teilweise auf Schlagseite und unbeweglich tot mitten in der Stadt. Etliche Männer in Orange oder zumindest mit gelben Warnwesten stehen wichtig und mit dem besten Beerdigungsgesicht drum herum und machen mit ihren Handtelefonen Erinnerungsfotos vom Corpus Defekti. Eine pechschwarze Krähe (ohne Warnweste) kommt vom nahen Imbissdach angeflogen, landet für eine Sekunde auf einem der Waggons und wird sofort von einem Orangenen gestenvoll und zischelnd weggejagt. Nicht, dass noch mehr kaputt geht!

 

Es ist ungewohnt ruhig, fast wie auf dem Friedhof. Komplettiert wird die absurde Szene von der freundlichen Automatendurchsage, dass der Zug nach Altona über Pinneberg mit der Abfahrt um zwanzig vor irgendwas ausfällt. Vielen Dank, ich hätte fast selbst drauf kommen können. Die Aufgänge zu den Gleisen sind geradezu hermetisch und undurchdringlich abgeriegelt – rot-weißes Flatterband baumelt von Geländer zu Geländer quer über die Treppe. Da kommt keiner durch! Zur Sicherheit stehen aber noch finster drein blickende Fitnessstudiokunden in Uniform oben am Gleis.

 

Einige Stunden zuvor bot sich eben dort am Bahnhof noch ein ganz anderes Bild. Etwa 600 bis 800 Menschen (davon keiner in Orange) standen dicht gedrängt bis an die Bahnsteigkante und warteten auf ein Fortkommen. Im Fünf-Minuten-Takt kündigten die Lautsprecheransagen im Wechsel das Ausfallen von Zügen oder deren unverschämte Verspätung an. Immer mehr Leute drängten auf den Bahnsteig und es herrschte eine eigenartige Stimmung aus Pendlerfrust und Fassungslosigkeit, aus Angst und Wut.

 

In etwa so muss die Atmosphäre am 30. September 1989 im Hof der Deutschen Botschaft in Prag gewesen sein. Angespannt und der Verzweiflung nahe. Keiner wusste ob und wie es weitergehen sollte. Im Gegensatz zu damals würde an diesem Tag sicherlich kein Bundesaußenminister samt Entourage auf einem nahe gelegenen Balkon erscheinen und uns den Satz zu rufen „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“, dessen Ende wir ungehört lautstark niederjubeln würden.

 

Aber als ob Hans-Dietrich Genscher ein letztes Mal diplomatischen Einfluss nahm, fuhr auf einmal wie aus dem Nichts tatsächlich und unangekündigt ein Zug ein, der von nicht wenigen Leuten beklatscht und gefeiert wurde, als wäre er der letzte für lange Zeit. Was keiner zu diesem Zeitpunkt wusste - es war der letzte Zug für lange Zeit.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 21. November 2017

 


Hände aus den Taschen!

Der Generation unserer Väter und Großväter war und ist es geradezu ein Gräuel, Lehrer und Vorgesetzte waren ebenfalls nicht gerade begeistert, wenn man zum Gedichtaufsagen vor der Klasse, eine Viertelstunde zu spät zum Vorstellungsgespräch erschien oder aber bei den zuerst Genannten beim verordneten Helfen im Garten mit den Händen tief in den Hosentaschen vergraben angedackelt kam und wie ein Diplom-Idiot auf Freigang wirkte.  

 

Dann konnte man im Grunde auch gleich sofort wieder auf dem Absatz kehrtmachen und sich schlurfend dorthin verfatzen, wo man gerade her geschlichen kam. Alleine der entsetzt angewiderte Gesichtsausdruck der gerade aufgezählten Autoritäten sprach Bände und die vier folgenden Worte „Hände aus den Taschen!“, die man barsch entgegen geföhnt bekam, waren dann eigentlich gar nicht mehr nötig.

 

Irgendwie hat mich das geprägt und sehe ich heute jungen, schlaksigen Mann pomadig mit den Pfoten in den Taschen der arschlosen Volumenbuxe durch die Gegend stratzen, dann sehe ich nicht selten erst einmal mich selbst und diszipliniere dann auch eher mich selbst als ihn mit den vier magischen Wörtern, die mir dann unweigerlich in den Sinn kommen. So auch gerade erst vor ein paar Tagen wieder, als mir auf der stark frequentierten Treppe in einem großen Bahnhof einer nahe Elmshorn gelegenen Weltstadt ein spannungsloser Goofy entgegen gestrunzt kam. Er wollte rauf, ich runter und, gerade als ich dachte „Hände aus den Taschen!“, kam er vor mir ins Straucheln.

 

Innerhalb einer Sekunde sah ich das Unheil unweigerlich kommen. Er war sogar noch näher am Geschehen dran und scheinbar erwischte sein offener Turnschuhstiefel die nächste Treppenstufe nicht exakt, sondern blieb an ihrer Kante hängen. Der nicht mehr zu verhindernde Sturz auf die harte, versiffte Bahnhofstreppe war nicht mehr zu vermeiden und konnte nur mit beiden blitzschnell nach vorne gereckten Händen gemindert werden können. Irgendwie blöd nur, dass diese wie festgedübelt bis fast zu den Ellenbogen in dem Sack namens Jogginghose steckten und nicht schnell genug den Weg ins Freie fanden.

 

So bremste Prinz Dämlich seinen Aufprall mit der rechten Gesichtshälfte auf der harten Tatsache aus Stein und Dreck. Bums, da lag der lange Lulatsch. Die Menge stob auseinander und hielt für einen Kolibriflügelschlag inne. Der Gefallene rappelte sich wieder auf und ließ sich nix anmerken und ich mir auch nicht. Nur ein leicht selbstgefälliges Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 14. November 2017


Ein ausschlaggebendes Ergebnis

Manchmal ist es eben nötig, dass man geliebte Dinge loslässt. Und das fällt schwer. Aber es geht nicht mehr. Sie und ich passen einfach nicht mehr zusammen. Seit ich mich erinnern kann, war sie immer da. Sie war stets ein treuer Begleiter, sie war bei den ersten Kindergeburtstagen dabei und auch später verlässlich bei den später folgenden, mit Umdrehungen angereicherten Partys. Auf Fotos von meinen Geburtstagen ist sie drauf und ich hätte mir niemals vorstellen können, dass uns mal etwas trennt. Nun aber ist Schluss.

 

Vor ein paar Tagen musste ich mir eingestehen und es gibt keine andere logische und medizinisch belegbare Erklärung, als dass ich nun tatsächlich gegen Fanta allergisch bin. Als ich am Abend meinen Schlafanzug anziehen wollte, musste ich sehen, dass mein gesamter Rumpf großflächig mit kleinen, roten Pusteln überzogen war. Normalerweise juckt mich so etwas ja nicht, aber in dem Moment machte ich mir schon meine Gedanken, woran das liegen könnte. Masern, Röteln, Krätze und Räude schloss ich aus. Ich hatte keine ungewaschene Kleidung getragen und auch keine exotischen Meeresfrüchte gegessen. Das einzig Ungewöhnliche an dem Tag waren zwei Gläser Fanta.

 

Am anderen Tag war der Ausschlag verschwunden. Als ich dann ein paar Tage später die angebrochene Flasche leerte, bekam ich abends das gleiche Resultat zu sehen, wieder schlug es bei mir aus und das war dann wohl der Beweis. Das muss man sich mal vorstellen. Gegen Fanta! Allergisch!

 

Und dabei hat doch alles so gut angefangen. Die Fanta und ihre blasse, nicht minder kariestauglich süße Schwester Sprite waren seit frühen Zeiten legales und von unseren Eltern geduldetes Rauschmittel und diente zeitlebens als legaler, blasser Ersatz für Cola, die uns ja als zum Getränk gewordenem Bösen erklärt und absolut als kinderuntauglich, unterschwellig giftig und sogar fleischfressend definiert wurde. Egal, wir hatten ja Fanta! Damit gaben wir uns an Kindergeburtstagen die totale Kante und kehrten abends aufgekratzt und überzuckert nach Hause zurück.

 

Wir verziehen der Fanta ihre konzeptionell und geschmacklich missratenen Schösslinge mit Mandarinen-, Zitronen- und Mangogeschmack und den abstrusen Bastard namens Diät-Fanta, der sich später „Light“ schimpfte und aktuell „Zero“ nennt. Nein, Fanta Orange war das Maß aller Dinge, aber das ist ja nun vorbei. Jetzt bleibt mir im Grunde nur noch Sprite, aber ich trau mich nicht nur einen Schluck zu nehmen. Ein weiteres ausschlaggebendes Ergebnis verkrafte ich nicht.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 7. November 2017


Die Dämlichkeit vergräbt man im Wald!

Die Dämlichkeit vergräbt man im Wald!

 

Nun hat es mich wohl doch erwischt. Ich bin jetzt Mitte 40 und dachte eigentlich, dass mir das Älterwerden mit seinen ganzen Begleiterscheinungen nicht weiter zu schaffen macht. Den körperlichen Verfall nehme ich ja stoisch und gelassen hin - Fleisch ist meine Mütze und die einst stramme Bikini- ist zu einer Biskinfigur verkommen; aber mein seelischer Unfrieden nimmt stetig zu, die situative Unzufriedenheit steigt und ich rege mich über Dinge auf, die mir vor ein paar Jahren noch vollkommen wumpe waren.

 

Ja, die Midlife-Crisis hat mich fest in ihren Pranken und ich bin ganz offensichtlich auf direktem Weg mich zu einem kleinkarierten Spießbürger zu entwickeln. Blockwart deluxe. Neighbourhood watch. Ich zeig Euch alle an!

 

Als ich vor ein paar Tagen nämlich meinen akribisch getrennten Müll (Gelb, Bio, Rest, Papier) runter zum sauber eingezäunten Entsorgungskarree brachte, da dachte ich, mich trifft gleich der Schlag. Irgendein motorisch tiefbegabter Nachbar hat seine zalandogroßen Kartons ungeschrottet und im Ganzen in den Papiercontainer geschmissen und den Deckel offengelassen, weil die Dinger natürlich ein Schließen des Containers unmöglich machen und selbstverständlich hat es über Nacht auch noch in Strömen geregnet. Was bilden die Leute sich eigentlich ein?

 

Damit nicht genug. In der ebenfalls offenen Biotonne lag dazu ein Müllsack mit allem möglichen Abfall drin, der für die Biotonne nichts taugt. Ich konnte das sehen, weil sich irgendwelche stadtbekannten Flugtiere bereits über den Unrat hergemacht und große Löcher in den Beutel gehackt hatten. Dabei war auch eine Plastikflasche für Trinkjoghurt; nicht genug damit, dass es so ein überflüssiges Zeug überhaupt gibt, ist die Entsorgung dort natürlich vollkommen hirnrissig. Doch kann ich den naiven Ansatz wohl verstehen, wenn da einer denkt, dass ja irgendwie mal irgendwas mit Bio in der Flasche drin war.

 

Mal ehrlich, wenn ich schon was in die falsche Tonne schmeiße, dann sorge ich doch dafür, dass das keiner sieht, weil es ja immer noch am Ende solche pedantischen Klugscheißer wie mich gibt, die sich auch an die Gesetze des Grünen Punktes halten. Das Trennen von Müll ist keine komplizierte Wissenschaft, für die man studiert haben muss. Sie scheint aber dennoch viele Leute auf vielerlei Weisen zu überfordern und führt sie so schnurstracks zur Ignoranz. Merke: Dämlichkeit gehört nicht in den Müll, sie fährt man am besten nachts heimlich in den Wald und vergräbt sie dort.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 31. Oktober 2017

 


„Wir fahren zu meiner Oma, die wohnt nicht weit weg!“

 

Neulich kurz vorm Steindammpark. Ich latschte gerade zu meinem Auto, als mich zwei Zweit-, höchstens Drittklässler im Bummeltempo links und rechts auf ihren BMX-Rädern überholten. Die Tatsache allein, dass sie beide ein Rad fuhren, von dem ich in ihrem Alter mehr als nur einmal feucht geträumt hatte, und welches meine Eltern auf meinen Wunschzetteln der Jahre 1981 bis 1985 zu Geburtstagen und Weihnachten stets gekonnt ignorierten oder aber aus meiner ungelenken Kinderschrift nicht „BMX-Rad“ lasen, sondern „Bücher“, „Leerkassetten“ und „Rollkragenpullover“ als mein Begehr entzifferten, war schon Freude genug für mich.

 

Die beiden Jungs hatten gerade eine offenbare Meinungsverschiedenheit über das gemeinsame Fahrtziel. „Nun komm mit!“, sagte der eine und das wahrscheinlich schon zum wiederholten Mal. „Na-hein!“, sagte der andere bestimmt und fuhr fort (im verbalen Sinne) mit „Was willst Du denn da überhaupt?“ - „Ich will mir was kaufen…“ - „Das kannst Du doch auch alleine!“ Mittlerweile hatten sie angehalten und hingen über ihren Lenkern. „Nein, Du musst mir Geld leihen!“, sagte der erste Junge wieder. Daher wehte also der Wind. Es folgte eine Stille von sicherlich fünf bis sieben Sekunden und hinter der Stirn des potenziellen Geldgebers arbeitete es scheinbar auf Hochtouren. Ich hatte ein paar Schritte von den beiden entfernt angehalten und tat so als würde ich den Nachrichteneingang auf meinem Hosentaschentelefon kontrollieren, in Wahrheit war ich aber nur neugierig, wie das Gespräch weiter geht.

 

„Ich soll Dir kein Geld mehr leihen, hat meine Mutter gesagt!“ Wieder entstand eine Gesprächspause und nun kam wiederum der junge Insolvente arg ins Nachdenken. Nach zwei, drei Momenten war sein (meiner Meinung nach) starkes und nahezu unschlagbares Argument „Und Du tust immer, was Deine Mutter Dir sagt oder was?“ Zack, das hatte gesessen. Eine Verbalschelle, bei der ich zumindest arg in moralische Drangsal geraten wäre.

 

Wie Clint Eastwood und sein Gegenpart Gian Maria Volonté in „Für eine Handvoll Dollar“ fixierten sich die beiden für einen langen Augenblick. Das Muttersöhnchen löste als Erstes die Spannung und fragte unsicher „Und was jetzt?“ Der Pleitegeier überlegte und trat auf einmal wie vom Blitz getroffen in die Pedale und strampelte los. Nach ein paar Metern drehte er sich um und rief euphorisch. „Wir fahren zu meiner Oma, die wohnt nicht weit weg!“ Ja, es ist immer gut, wenn man weiß, wo man noch was kriegen kann.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 24. Oktober 2017

 


„Ich hab`s passend!“ oder doch nicht

Eigentlich weiß man ja, dass man am Sonnabendvormittag nicht zum Einkaufen fährt. Ich tat es dennoch und bekam prompt die Quittung dafür. Ich brauchte nur drei, vier Dinge um das Wochenende zu überleben und wollte keine zehn Minuten für den ganzen Quatsch investieren. Leider aber waren wieder mal alle (mit Betonung auf beide Silben) auf einmal im selben Supermarkt unterwegs, als gäbe es nur einen Laden in der ganzen Stadt. Es war fast wie Weihnachten, nur wärmer. Wozu haben die Supermärkte eigentlich täglich zwischen acht und 20 Uhr offen, wenn doch nur alle am Sonnabend um Punkt halb elf ihre Einkäufe in Krankenhausmengen erledigen? Aber ich hatte ja selber Schuld.

 

Die erste schwere Sinnkrise bekam ich dann schon gleich beim Gemüse, wo ein delphinaffiner, heiliger Vater seinem Sohn jede Tomate einzeln erklärte und ich schnappte den Halbsatz auf, dass die einen Tomaten freundlich sind und die gleich daneben nicht. Eigentlich mache ich mir über die Zukunft ja keine Sorgen, aber da bekam ich dann doch etwas Angst um unsere Gesellschaft.

Mit einer Salatgurke als Bio-Schwert vor mich gehalten bahnte ich mir den Weg zur Kasse und der martialische Einsatz sollte sich gelohnt haben: Dritter in der Schlange, vor mir nur ein Mutterschiff mit zwei kleinen Kindern und ein Typ davor war gerade am Bezahlen. Doch dann hörte ich die verhängnisvollen Sätze „Ich hab`s passend!“ und die Kinder bettelten. „Dürfen wir die Sachen aufs Band tun?“

 

Am liebsten wäre ich mit einem lang gezogenen „Neeeein!“ auf der Stelle entkräftet zusammengebrochen. Mein Nervenkostüm war eh schon seit Wochen fertig für die Lumpensammlung und nun das noch. Während vorne der Kassiererin die Cents einzeln in die Hand gezählt wurden, wanderte direkt vor mir jeder Joghurt gesondert auf das Laufband. Den Rest natürlich auch und alles schön in einer Reihe. Es kommt aber noch besser. Die Mutter wühlte in ihrem Rucksack herum und zog einen Bogen mit Rabattaufklebern heraus und klebte sie auf ein paar Dinge im Wagen.

 

Als sie fertig war, sagte die Frau hinter der Kasse, die immer noch auf die letzten Geldstücke wartete, die der Typ mittlerweile aus seinen Hosen- und Jackentaschen zusammensuchte: „Die gelten hier aber nicht!“ – „Wieso das denn?“ – „Falsches Geschäft.“ - „Oh, ich hab‘s doch nicht passend…“ - „Jetzt muss ich die alle wieder abziehen!“ – „Ich zahle mit Karte!“ – „Wie gesagt, die gelten hier nicht. Die Karte bitte anders rum!“ – „Was mach ich denn jetzt?“ – „Schönes Wochenende!“ – „Ja, schönes Wochenende.“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 17. Oktober 2017


Der Fortschritt der Technik ist der Rückschritt für den Menschen

Zur Abwechslung mal wieder etwas in eigener Sache. Hat jemand vielleicht einen Boxsack für mich, den er nicht mehr braucht oder ein paar Festmeter Holz, die ich zu Bleistiftrohlingen hacken kann? Notfalls würde auch ein Rasen reichen, den ich mit der Bastelschere mähen kann oder Wäsche zusammenlegen geht auch. Ich muss mich nur irgendwie abreagieren. Auch nach Tagen hab ich immer noch `nen Puls wie ein Hydrant und könnte vor Wut kochen, und zwar Kaffee.

 

Die Stellwerksstörung in Pinneberg vor etwa drei Wochen hab ich ja noch stoisch zur Kenntnis genommen und den beschwerlichen Nachhauseweg mit der Bahn von fünfeinhalb Stunden metaphysisch ad acta gelegt, mit dem damals überzeugten Wissen, dass so etwas so schnell nicht wieder passieren würde. Satz mit x!

 

Nun war es aber tatsächlich am letzten Donnerstag schon wieder so weit und am Nachmittag wurde der Bahnverkehr nicht nur in ganz Norddeutschland, sondern auch im ganzen Kreis Pinneberg stillgelegt. Bei allem Respekt gegenüber den Menschen, die bei diesem Unwetter zu Schaden gekommen sind oder gar den Tod gefunden haben, kann es doch aber nicht wirklich sein, dass nach einem nicht einmal besonders heftigen Sturm (da hatten wir schon wesentliche schlimmere auf der Uhr) das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt wird und nahezu sämtliche Infrastruktur, inklusive Bus und Bahn, auf einmal zum Stehen kommt. Mir scheint, dass der Fortschritt der Technik immer mehr zum Rückschritt für den Menschen wird.

 

Warum baut man denn so komplizierte und anfällige Dinge allein rund um den Eisenbahnverkehr, die scheinbar nur funktionieren, wenn man sie nicht benutzt? Warum haben die modernen Züge keine Fenster zum Öffnen mehr, sondern man muss mit einer temperatursensiblen Klimaanlage auskommen? Warum streiken so oft die Türen? Was ist eigentlich ganz genau eine Bahnübergangsstörung? Laufen die Stellwerke noch mit Windows 3.1 und bei jedem Ausfall muss erst einer die Installationsdisketten suchen? Früher konnte man eine Weiche noch mit einem großen Hebel umlegen, heute sperrt man sofort die komplette Strecke. Und wenn Stromoberleitungen so anfällig für Äste und Zweige sind, warum stehen dann so viele Bäume links und rechts der Bahnstrecke? Und mir fällt noch mehr ein, nur kann ich so schlecht schreiben, wenn ich vor kurz vorm Platzen mit der Computertastatur auf den Monitor eindresche.

 

Und von Schienenersatzverkehr fang ich gar nicht erst an, dann müsste ich wohl sofort in die Klapse eingeliefert werden.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 10. Oktober 2017


„Die Leute hier wollen das nicht, dass hier einer so laut ist!“

Ich stand in der Drogerie an der Kasse in der Schlange und suchte mein Kleingeld zusammen. Ich hatte gerade Shampoo und Feuchtigkeitscreme (ja, denken Sie denn etwa wirklich dieses jugendlich frische, bübische Antlitz ist rein von der Natur gegeben?) aufs Band gestellt, da bellte es draußen vor der Tür recht dunkel. Die automatische Tür glitt auf, doch kam kein manisch aggressiver Dobermann rein gedackelt auf der Suche nach Angeboten von Frolic, sondern ein übel hustendes Mutterschiff in Leopardenleggings zog noch einmal tief am Glimmstängel, warf die Kippe dann auf den Boden, trat ohne hinzugucken genau daneben und drehte den tätowierten, fleischigen Fuß, der in einem viel zu zarten Pantöffelchen steckte, nutzlos auf dem Boden ein paar Mal hin und her.

 

Während sie den Laden betrat, atmete sie hustend aus und das alles andere als betörende Aroma von Qualm und irgendwas zwischen Döner und Kanal No. 5 waberte quadratmeterweise zur Kasse rüber. Es gibt wenige Gerüche auf Erden, die übler sind als frisch ausgeatmeter, mit Nikotin und Zwiebeln angereicherter Rauch. Da schnuppert man lieber an nassem Köter oder am Straßengully nach dem Kölln-Reisieker Karneval.

 

Ihr folgte ein zartes Knäblein von höchstens vier Jahren, das sich sofort in seinem kindlichen Übermut auf die eigens für sein Maß bereitgestellten Einkaufswagen im Zwergenformat stürzte. Er zog den Drahtkorb auf Rädern aus dem Wagenpark und wurde sofort barsch zurückgepfiffen. Mit Marlboro gegerbter Stimme und mit dem Duktus eines übel gelaunten, us-amerikansichen Drill Sergeants schallte Mutters Stimme durch den Laden, durch Mark und durch Gebein: „Hier, ich sach Dir ein’s, Sportsfreund: Hier ist Ruhe und Geschmeidigkeit! Sonst nimm ich Dir dat Ding sofort wieder wech, damit wir uns verstanden haben, wa‘!“

 

Das hatte gesessen. Ich zumindest stand sofort stramm, obwohl ich gar nicht der eigentliche Adressat war. Mutter und Sohn standen für einen Moment Auge in Auge. Eine Schrecksekunde später, als die Erde sich dann doch weiterdrehte, die Vögel wieder sangen und ich immer noch trockene Unterwäsche trug, fuhr der Kleine zielgenau mit seinem Minieinkaufswagen karacho ins nächste Regal! „Nun is‘ Schluss!“, urteilte Mutter Oberin lautstark und nahm dem Unfallfahrer das Utensil weg. „Die Leute hier wollen das nicht, dass hier einer so laut ist!“

 

Eigenartig, manchmal zeigt sich die Weisheit eben dort, wo man sie niemals vermutet und sie auch vollkommen fehl am Platz ist.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 26. September 2017


Der erste Fahrradschlauch zum Anziehen

Jetzt kann man sie wieder überall sehen - die Roten, die Schwarzen, die Blauen und die Braunen. Es gibt sie aber auch und vor allem in Grau, Grau, Beige, Ocker und Grau. Die Multifunktionsjacke, der Allwetterreifen unter den Kleidungsstücken, hat den Weg zurück vom Flurschrank auf die Straße gefunden. Auf das Aussehen kommt es dabei gar nicht an, sie ist vor allem praktisch. Kaum meldet die Wetter-App vom Zweitgehirn eine Regenwahrscheinlichkeit von 67% zwischen Schulstraße und Bahnhof, wird die gummiartige Wurstpelle aus 50 % Elasthan, 40% Polyester, 30% Klettverschlüssen und zwei Dutzend Gummizügen wieder zur bevorzugten Oberbekleidung während der schwächeren Tage.

 

Die Multifunktionsjacke verspricht eine Eier leckende Vollmilchsau zu sein und ist ein eine Art Zaubermantel, der sowohl regendicht nach innen als auch atmungsaktiv nach außen ist. Ich frag mich was passiert, wenn man die Jacke auf links dreht und verkehrt herum anzieht. Ertrinkt man dann trockenen Fußes? Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen und wer sich noch an sein olles, knallgelbes Ölzeug von früher erinnern kann oder an den modischen Totalflop Fahrradcape, mit dem unsere Mütter uns noch bis weit in die Achtziger zur Schule losschickte, der weiß, dass die Kombination aus approximativem Hitzetod unter der Vollgummihaut mit der Dicke eines Schallschutzvorhangs und kindlicher Scham wie ein Fliegenpilz auf zwei Rädern auszusehen das Schlimmste war, was einem gesellschaftlich beim Tragen von funktioneller Kleidung passieren konnte. Bislang!

 

Heute ist nämlich die Multifunktionsjacke der Neoprenanzug fürs Land und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man muss keine zehn Meter gehen, ohne einen zu treffen, der das exakt gleiche ultraleichte und gleichzeitig reiß- und bissfeste, antimikrobielle, laktosetolerante, gendervegane, WLAN-fähige Modell trägt.

 

Das Besondere an so einer Jacke ist aber das verschlungene System aus verstellbaren Kordelstrings. Was sich zunächst nach sehr knappen Unterhosen mit erhöhtem Erotikpotenzial anhört, ist jedoch ein intelligentes Geflecht aus Strippen und Schnüren, was jedoch schon fast Bondage sein könnte, nur mit unzähligen Reißverschlüssen und Innentaschen obendrein.

 

Die Multifunktionsjacke ist die Antwort auf eine nie gestellte Frage und der erste Fahrradschlauch, den man anziehen kann. Ob das dann aber hübsch ist, ist dabei nicht so wichtig, Hauptsache es ist vor allem irgendwie praktisch.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 19. September 2017


„Derbst geil“ - der Tod der Sprache

Ich stand da und wartete. Auf den vorherigen Tag, auf längeres Haar, auf den Sommer und vor allem darauf, dass der Bus endlich kam. Die elektronische Anzeigetafel schrieb seit etlichen Minuten „fährt sofort“. Das ist ja bekanntlich so verbindlich wie „gleich“, „vielleicht“ oder „irgendwann“. Zu mir und den anderen traurigen Wartenden auf Abfuhr gesellten sich zwei junge Frauen oder auch alte Mädchen, so genau sah man das nicht, sie hätten zwischen 17 und 23 sein können, im Grunde aber erst 11, so albern, wie sie waren. Was aber auch nicht wirklich ein Anzeichen von Alter ist, und außerdem kenne ich Frauen nur knapp über 30, die älter als ihre eigene Mutter wirken. Das ist aber ein ganz anderes Thema.

 

Die beiden Girls (dieses Wort beschreibt die beiden eigentlich ganz gut) unterhielten sich ein bisschen künstlich aufgekratzt über irgendwas Spektakuläres; in ihrer Welt zumindest. Es gelang ihnen für Minuten gänzlich auf vollständige Sätze und vor allem Substantive (das sind Dingwörter, liebe Protestwähler) zu verzichten. Sie ließen nicht nur ganze Satzteile weg, sondern galoppierten ungestüm auf wild gewordenen, fast deutschen Satzfetzen durch ein ihnen unbekanntes Land namens Grammatik. Für alles, was sie sich nicht sprachen, hielten sie sich gegenseitig ihre Telefonbildschirme ins Gesicht. Und jedes Mal folgte ein modernes Adjektiv der gesteigerten Begeisterung, was ziemlich schnell nervte, denn jedes Mal war es irgendetwas mit „geil“ am Ende.

 

Und wie der Zufall es wollte, nahmen sie denselben Bus wie ich. Und wie das Schicksal es wollte, hatten wir im vom Feierabend strapazierten Bus denselben Quadratmeter, den wir uns teilen mussten. Aufgrund der unfreiwilligen Nähe für die anschließende Fahrt von der sogenannten City in einen südlichen Stadtteil musste ich zwangsläufig die Unterhaltung weiterverfolgen und lernte dabei sogar noch etwas. „Derbst, extremst und absolutst geil“ scheinen die aktuell angesagtesten Superlative zu sein, wenn die Generation „Datenvolumen“ ihre pure Freude über irgendeinen Firlefanz zu Ausdruck bringen will.

 

Na gut, wir sagten damals (wenn unsere Mütter es nicht hörten) „affengeil“ oder sogar „affentittengeil“ zu allem und empfanden das als das ultimativste Größte der eigenen Coolness. Und wenn man dann heute denkt, dass die Sprache jetzt wirklich tot ist, dann kommt immer noch von irgendwo jemand daher und macht sie noch toter.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 12. September 2017


Und es kommt sogar richtiges Wasser aus dem Hahn

Ich hatte noch nie so richtig ein Händchen fürs Handwerk. Weder Tapezieren, Schweißen, Elektrokrams, Fliesenkleben oder alles, was mit Backen und Kochen zu tun hat. Ich kann ja noch nicht mal Grillen. Das war schon immer so und es war nie ein Geheimnis. Die Erinnerung an den Versuch mir im Jugendalter einen Schreibtisch zu bauen zum Beispiel, treibt meiner Schwester noch nach etwa 30 Jahren die dicksten Lachtränen in die Augen. So fügte ich mich früh in dieses Schicksal der handwerklichen Nutzlosigkeit mit zwei linken Büropfoten, die jedoch zumindest ganz ordentlich einen Rasenmäher schieben können und einen Feudel geschmeidig übers Parkett tanzen lassen.

 

Doch da das Tropfen des Wasserhahns vom Waschbecken im Bad einfach nicht von alleine aufhören wollte, auch nach Monaten nicht, musste ich handeln. Euphorisiert von einem sonnigen Tag und einer just aufgeräumten Werkzeugkiste, die unter anderem auch unerklärlicherweise sieben 18er/19er Schlüssel (Ring und Maul), diverse Imbusse (die ja eigentlich Inbusse heißen) von verfuschten Schrankaufbauten und mehrere abgebrochene und vergnaddelte Schraubenzieher aufwies, zog ich meinen frisch aufgebügelten Blaumann an, guckte zwei Internetvideos zum Thema und trank unterstützend einen Kaffee ganz ohne Milch und direkt aus der Glaskanne.

 

Eigentlich hätte ich es ja besser wissen müssen und mich schon mit einem abgebrochenen Wasserhahn, einem harten Wasserstrahl, der waagerecht aus der Wand schießt, und sich auch mit dem drauf gehaltenen Daumen nicht wirklich stoppen lässt, mindestens einer Knochenfraktur und literweise Blutverlust in einem völlig zerstörten Badezimmer hätte liegen sehen können, aber ich hab es tatsächlich alleine und ohne fremde Hilfe geschafft und dabei so gut wie nichts, was wichtig ist, kaputtgemacht. Weder an der Raumausstattung noch an mir selbst. Kam es doch bei anderen ebenso enthusiastisch angegangenen Projekten am Ende dann immer zur Totalkatastrophe und teuer wurde es immer sowieso.

 

Und das Resultat verblüfft selbst mich. Es kommt wirklich richtiges Wasser aus dem Hahn und die Seiten für Rot und Blau stimmen auch. Ich hab es geschafft, tatsächlich geschafft! Vor ein paar Jahren wäre das noch undenkbar gewesen, aber nun wurde ein nie geträumter Traum zur Wirklichkeit. Und wenn ich das schon kann, dann können andere Männer mit Talent fürs Falschmachen und Abbrechen das auch. Ich nehme jetzt auch Aufträge an und hoffe überdies, meine Schwester liest das jetzt.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 5. September 2017


Passwort: Schatzi67, in einem Wort

Wie verbringt man am besten einen freien Tag, an dem man nicht zur Arbeit muss und eigentlich faul in den Federn liegen bleiben kann? Richtig, man steht sehr früh auf und wartet entweder auf den Handwerker, der sich für 7 Uhr angekündigt hat, aber erst kurz nach neun mit einem halben Brötchen zwischen den Zähnen tiefenentspannt angebummelt kommt und gleich noch mal wieder wegfährt, weil er was vergessen hat oder man fährt zum Amt.

 

Ich fuhr zum Amt. Der frühe Vogel hat schließlich Gold im Mund, deswegen war ich auch eine Viertelstunde vor der Öffnungszeit vor Ort. 19 andere Menschen auch und ich war der 21. in der Warteschlange, denn auf den letzten Metern überholte mich doch tatsächlich noch einer. Wie bekloppt! Ich war belustigt und verärgert zugleich und wären wir beim Fußball gewesen, hätte ich ihn sofort von hinten über die Seitenauslinie weggegrätscht. Da ich aber ein Loch in der Jeans (Mode hin oder her) riskiert hätte, beließ ich es bei einer mündlichen Verwarnung. Seine Ausrede: „Ich hab es eilig!“ Rein inhaltlich war meine Antwort, dass auch ich nicht zum reinen Vergnügen vor Ort wäre und spontan eine Vielzahl von Dingen aufzählen könnte, die ich jetzt lieber machen würde. Eine davon war Numero 20 in der Warteschlange zu sein. Ich gab nach.

 

Und wenn man denkt, dass es gar nicht mehr schlechter werden würde, dann muss man immer noch genau damit rechnen! Ein bisschen später im Wartebereich nämlich saß eine Frau neben mir, die fahrig in ihren Unterlagen blätterte. Schließlich griff sie zum Handy und rief anscheinend zu Hause an. Mit der uns doch allen so bekannten Begrüßungsformel „Ja, ich bin’s…“ kam sie gleich und für alle gut vernehmlich zum Thema. „Bist Du online? So, dann geh mal zum Banking und sag mir die IBAN von meinem Konto durch.“ Es war einen Augenblick still. Nicht nur am Telefon, sondern im ganzen Raum. Madame Legard fuhr ungeniert fort: „Schatzi67, in einem Wort!“. Wieder Stille. Amüsierte Blicke wurden ausgetauscht, Augenbrauen hochgezogen, Bauklötze gestaunt. Anschließend wurde zur generellen Verwunderung die IBAN fernmündlich und für alle im Saal, die gerne mitschreiben wollten, laut wiederholt.

 

Hach, schön, dass in einer durch Datenpanik und Cyberdiebstahl bestimmten Zeit, in der man vor jedem Laptop einen Kriminellen und hinter jedem Bart einen Terroristen vermutet, manche Leute sehr entspannt mit ihren Passwörtern und Zugangsdaten umgehen. Ich glaub, ich überweise Ihr einfach mal was.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 29. August 2017


Lustig war das Erstklässlerleben

Schon wieder Ende August. Lebkuchen hab ich noch nicht in den Läden gesehen, aber man kriegt schon wieder alles für den Schulanfang in knapp zwei Wochen zu kaufen. Stifte, Hefte und natürlich auch Schultüten. Und immer, wenn ich die sehe, katapultiert mich das 37 Jahre gedanklich zurück an meinen ersten Schultag.

 

25. August 1980, da fing die ganze Drecksscheiße an und schon der erste Tag lief denkbar beschissen. Von den etwa 20 Erstklässlern hatten genau zwei keine Schultüte. Der eine war Marco, der andere war ich. Alle anderen dafür schleppten gigantische Fress- und Protztüten mit sich rum, vollgefüllt mit Arsenalen an Bunt- und Filzstiften, Tuschkästen, Turnschuhen und vor allem Süßigkeiten, die die ganze Grundschule für vier Jahre verlässlich mit Karies versorgt hätte.

 

Was ich hatte, war der gebrauchte Schulranzen von meiner Schwester, ein Fahrrad aus fünfter Hand und die feierlichen Worte meiner Großmutter „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ Was dieser Satz bedeutete, konnte ich damals als sechsjähriger Neuling im Schulbetrieb kein Stück bemessen, sollte es aber die kommenden Jahre Stück für Stück bitter kosten. Und die große Erkenntnis darüber, die habe ich erst jetzt. Oma, Du hattest ja so Recht!

 

Der besagte Ernst des Lebens machte sich nämlich durch vor allem aus heutiger Sicht bemerkenswerte Unterrichtsinhalte erkennbar und es ist nämlich geradezu ein Wunder, wie ich mich bei dennoch in der heutigen Gesellschaft ganz gut zurechtfinde. Der Schulunterricht damals war noch vollkommen unberührt von diesem heutzutage vorherrschenden sozial-politisch korrekten voll veganen Freilandeier- und Öko-Gender-Delfinbefreiungsgeist.

 

Dazu nur ein Beispiel: Ohne es besser zu wissen oder uns irgendetwas Schlechtes dabei zu denken, sangen wir rein und ungehemmt fröhliche Lieder voller Klischees, wie das zynisch mysteriöse „Zehn kleine Negerlein“, in dem eine Gruppe junger Schwarzafrikaner im Rhein-Main-Gebiet auf ungeklärte Arten und Weisen nach und nach spurlos verschwinden oder sogar zu Tode kommen. Oder das verklärende „Lustig ist das Zigeunerleben“, welches die Sinti, die Roma und andere Rotationseuropäer als gesetzlich unstet, gesellschaftlich nicht unseren allgemeinen Normen- und Wertevorstellungen entsprechend als kriminell lebende Sippschaft verunglimpft, die keine Steuern zahlt, von Wilderei lebt und im Dreck zeltet. Und das war nur der Musikunterricht. Von den anderen Fächern fang ich gar nicht erst an.


Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 22. August 2017


Ich reg mich ja eigentlich nicht mehr auf...

Immer langsam, schön langsam. Nur kein Stress, bitte. Also ich bin ja nun ein wirklich ganz besonnener Vertreter meiner Gattung. Wegen jedem kleinen Scheiß gleich ausflippen ist nicht meine Art. Wenn vor mir auf der Straße einer nicht Auto fahren kann, dann hupe ich nicht wie ein Blödmann (so wie die Leute hinter mir andauernd). Wenn der Zug nicht kommt, dann ist das halt so, und wenn es regnet, dann werde ich halt nass. Einen Schirm hab ich ja bekanntlich nicht mehr. Wenn man so will, dann hab ich mich längst zur inneren Ruhe gesetzt und muss sogar ab und an schon mal kontrollieren, ob ich überhaupt noch einen Puls habe oder nicht schon längst tot bin. Nichts in der Welt kann mich noch wirklich aufregen. Aber wenn ich noch einmal „Despacito“ im Radio höre, dann krieg ich `nen Hals wie ne Königskobra. Aber so richtig.

 

Es gibt schätzungsweise 37 Milliarden Lieder auf diesem Planeten, also eingerechnet allem, was je auf Schallplatte und CD erschienen ist. Dazu das, was illegal im Internet läuft, mündlich überlieferte Gesänge von Naturvölkern, Gepfeife und Gesumme, klassische Walgesänge, morgendliches Vogelgezwitscher, Frosch- und Unkenquaken und alles von Phil Collins und Nena. Genug Auswahl ist also vorhanden, im Radio läuft aber dennoch immer nur „Despacito“. Und wechselt man den Sender, dann läuft es da auch schon. Hört das denn nie auf?

 

Da freut man sich sogar schon über was Abgenudeltes von Bryan Adams und Andreas Kuranyi, aber auch nur so lange, bis als Nächstes dann schon wieder die akustische Geißel in Form dieses Liedes kommt. Nicht nur, dass mich das Lied als solches nervt, der Text ist die reinste Zumutung. Nicht, dass ich auch nur ein Wort verstehe, ich spreche ja kein Französisch, aber das, was das Internet mir übersetzt hat, reicht schon locker dafür aus, dass ich knallrot werde. Im Gesicht.

 

Das ist unerträglicher als jeder Text von Roland Kaiser oder den Flippers über lüsterne Frauen nachts an sauberen Stränden und spontanes Totalverlieben in kleinen Restaurants von hinterwäldlerischen Fischerdörfern, das lediglich bis zum nächsten Morgen dauert. Und unrealistisch obendrein. Sagte ich so etwas aus dem Text tatsächlich zu einer wirklichen Frau, dann wäre es doch Glück, würde ich dafür nur schallend ausgelacht werden und nicht sofort eine ganze Dose Pfefferspray ins Gesicht kriegen. Dann lieber „Last Christmas“ den ganzen Advent über. Da wäre ich im Moment richtig glücklich drüber.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 15. August 2017


Eine Bahn voll wie zwei Eimer Wasser

Wenn man denkt, man denkt, dann denkt man nur, man denkt, man hat nun schon alles erlebt, alles gesehen und auch alles oft genug gehört und mit den eigenen sieben Sinnen Sämtliches erfasst, was einem diese wunderliche Welt in all ihrer Absurdität auch nur an Absonderlichkeiten bieten kann. Aber gerade in diesen Momenten, wenn man denkt, dass einen nichts mehr wirklich verwundern oder schocken kann, dann wird man immer wieder eines besseren belehrt. Keine Bange, es folgt nicht schon wieder eine Geschichte, die sich in einem Zug zugetragen hat.

 

Die Anzeige an Gleis 2 am Elmshorner Fluchtbahnhof zeigte am vergangenen Mittwoch noch ganz normal die fast schon traditionellen wenigen Minuten Verspätung für den Regionalexpress nach Hamburg an. Niemand am Gleis ahnte zu diesem Zeitpunkt auch nur entfernt, dass dieser mit der ursprünglichen Abfahrtszeit von 6:48 Uhr nicht das halten konnte, was er sonst so treu in seiner gesamten Unzulänglichkeit verspricht. Und mit der Ansage zur Einfahrt durch die Bahnsteiglautsprecher wenige Minuten später kam dann auch tatsächlich ein Zug in den Bahnhof gerollt.

 

Anstatt jedoch des feuerroten, brüllenden, elefantösen Elektromonsters mit seinen nicht minder eindrucksvollen fünf anhängenden, mächtigen und auf Hochglanz polierten Doppelstockwagen mit den so unverschämt sexy blauen Sitzen aus synthetischem Wohlfühlimitat für mehr als 600 entspannte Reisende und etlichen, gemütlichen Stehplätzen auf strapazierfähigem, abwaschbarem Kunststoff, tuckerte eine Art S-Bahn mit zwei kleinen Waggons dieselig den Bahnsteig entlang, die wohl sonst auf der Nebenstrecke zwischen Mullewupp und Knax eingesetzt wird. Allein das war schon bemerkenswert genug und ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte.

 

Vorm letzten Aufgabelort vor Hamburg was das komische Ding trotz Urlaubszeit und Sommerferien schon so voll war wie zwei Eimer Wasser, nur ohne den zweiten Eimer. Jede Modelleisenbahn im Reihenhauskeller kriegt mehr Leute mit! Und natürlich stieg in Elmshorn nahezu keiner aus. Dafür wollten etwa 300 Krieger mit. Wir sind Sparta!

 

Nicht wenige Nahverkehrsfetischisten (lassen Sie sich dieses Wort ruhig mal auf der Zunge zergehen), proppten sich tatsächlich in die beiden Waggons und verließen nach weiteren wenigen Minuten per Schleichfahrt Elmshorn. Ich winkte konsterniert und verstört dem Zug hinterher und wartete lieber auf den nächsten. Der sollte schließlich in wenigen Minuten kommen.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 8. August 2017


Diagnose: Hirnschmelze

Hier! Zur Abwechslung mal etwas in eigener Sache. Volle Konzentration jetzt bitte, es ist nämlich schlimm. Ich weiß nicht, was mit mir los ist im Moment. Ist es nur normale Vergesslichkeit oder sind das schon erste Anzeichen einer vorgezogenen Altersdemenz? Leise rieselt der Kalk. Kann eigentlich nicht sein. Ich bin im Grunde noch ganz gut beisammen da oben in der Klangschale. Ich weiß mein eBay-Passwort auf Anhieb, also zumindest beim zweiten Versuch immer. Ich kann die Telefonnummern meiner Freunde auswendig (sogar die Nummern als sie noch bei ihren Eltern wohnten weiß ich) und hab genau im Kopf, wer mir noch Geld schuldet. Nämlich niemand.

 

In meinem Medizinschrank stehen bislang keine Piccolos mit Buer Lecithin oder Tai Ginseng, denn ich habe noch nie, also verlässlich ab der achten Klasse, den Geburtstag meiner Mutter vergessen, weiß immer abgerundet meinen Kontostand, und auf der Arbeit kann ich wie aus der Korkenpistole geschossen sagen, wo welches Buch im Regal steht. Na ja, so fast. Ich kann mich teils detailliert an Fußballspiele aus den Neunzigern (eigene und im Stadion besuchte) und an ganze „Wetten, dass..?“ Sendungen erinnern (aber das können wir vermutlich alle irgendwie), und bis auf die drei Ausnahmen Cindy Stadelmann, Thorge Schröder und Olaf Runge weiß ich noch alle Namen von allen Jungs und Mädchen, die jemals mit mir in einer Klasse waren. Und das waren etliche!

 

Ich kann mich eh an ganz genau an meine Schulzeit erinnern. Zwar nicht an Mathe, Physik und dieses andere Fach mit diesen vielen komplizierten Fremdwörtern und dem ganzen Grammatikkack, aber genauestens, bei wem ich zum Geburtstag eingeladen war, wer mit wem damals zusammen war, fast zusammen war, gerne zusammen gewesen wäre, wer mit wem im Geräteraum der Turnhalle und auf Mittelstufenfesten rumgemacht hat. Ohne es auswendig gelernt zu haben, kann ich die Texte von deutschsprachigen Schlagern und Popsongs auswendig und erkenne überdies jedes Beatles-Lied an den ersten drei Takten.

 

Scheinbar aber ist nun die Festplatte randvoll und es kommt zum Datenverlust. Ich hab nämlich innerhalb der letzten drei Wochen drei Regenschirme in der Bahn liegen lassen. So‘n Mist! Also einmal ist ja okay, zweimal ist aber schon dämlich und das dritte Mal ist doch die eindeutige Diagnose und die heißt: akute Hirnschmelze. Das ist wohl nun der Anfang vom geistigen Ende und oder hat letztendlich auch was mit dem Wetter zu tun. So oder so, im Endeffekt hab ich nun keinen Schirm mehr.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 1. August 2017


Unterwegs mit Mia 1 und 2, Anton und Pipi

Wenn man mal zu anderen Zeiten mit der Bahn fährt, dann trifft man auch mal neue Leute und sieht nicht die ewig gleichen Muffelköppe, mit denen man stets seinen pendelnden Alltag beginnt und die einen jeden Morgen erneut böswillig beim Einsteigen mit der Hüfte zur Seite wegboxen oder wenig kultiviert zum Gähnen die Klappe bis zur Kieferstarre aufreißen, ohne mit der Hand den freien Blick aufs zitternde Gaumenzäpfchen zu verwehren.

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag also nach Altona und die Bahn war voller als gedacht. Vorm Großraumabteil des Neunzigerjahre Nostalgiewagens ergatterte ich noch einen akzeptablen Stehplatz zwischen einer durchgehend sabbelnden Frau an der Funkgurke (sie beendete kurz vorm Endbahnhof das Telefonat amüsanterweise mit den Worten „Also, wie gesagt, ich wollte mich nur mal kurz gemeldet haben …“) und einer von der Sylt-Klassenfahrt nach Hamburg rückreisenden Grundschulklasse.

Schon kurz nachdem der Zug Elmshorn verlassen hatte, begann die die Klasse begleitende junge, zierliche Lehrerin hektisch die Koffer und Taschen der Kinder aus den Gepäckablagen zu heben und den einzelnen Kindern zuzuordnen. Jeder Koffer schien das Abtropfgewicht eines ausgewachsenen Zementsacks zu haben und ihre Kräfte schwanden so schnell, wie die Panik in ihrem eh schon fahrigen Blick zunahm. Höchstwahrscheinlich war ihre Annahme das Gepäck nicht rechtzeitig aus dem Zug zu bekommen, wenn der Zielbahnhof erreicht ist. Helfen durfte man ihr aber auch nicht, unter anderem aus versicherungstechnischen Gründen, wie das merklich überforderte „Fräulein Prysselius“ argumentierte. Versteh noch einer diese Welt.

Mit jedem Rollkoffer und jeder Tasche in den Händen las sie auch laut die Namen auf den Schildern am Gepäck vor und es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um eine komplette Astrid-Lindgren-Klasse handelte, die da mit mir im Zug war. Nach und nach fielen die Namen Kalle, Lennart, Lotta, Lina, Mattis, Anton, Bosse, Emil, Ida, Jonas, Niklas, Mia 1 und Mia 2, Lisa und Lukas. Auf „Pippi“ wartete ich vergebens; mein olfaktorisch angrenzender Stehplatz unmittelbar zum Abort entschädigte das jedoch auf eine seltsam ungewollte Art und Weise.

In Altona stand dann halb Bullerbü versammelt und wartete auf den Nachwuchs mit den schweren Koffern. Manche Eltern dagegen wirkten eher wie Figuren aus den Romanen von Stephen King oder Wolfgang Hohlbein. Seltsam, alles sehr seltsam.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. Juli 2017


Warten auf das Ende der Steinzeit

Drei Postleitzahlen, 50.000 Einwohner auf der Habenseite und einen Sack voll Ortsschilder, auf denen unsichtbar irgendwie „Stadt“ drauf steht. Dazu unzählige Friseur- und Einkaufsläden, Unmengen an Baustellen und morgens und abends sogar richtige Staus, mit richtigen Autos. Kultur wird nicht nur laut Duden hier groß geschrieben und die meisten von uns gehen einigermaßen aufrecht, können mehr oder minder artikuliert sprechen und haben den Hosenschlitz geschlossen.

Zwar präsentiert man sich nach außen gerne als innovativ, modern, aufgeklärt, aufgeschlossen und wohlerzogen und es wabert der Geist des 21. Jahrhunderts durch die neue Innenstadt. Manchmal. Da kann sich die Stadt noch so tolle Slogans anpinnen, die sich anhören wie eine Rubrik aus der „Bravo“ oder der Untertitel einer Nachmittagssendung auf RTL 2. Elmshorn ist und bleibt in gewissen Dingen aber auch nur eine Höhle voller Steinzeitamöben.

Auf dem morgendlichen Bahnsteig stand da letzte Woche eine junge Frau, die ganz offensichtlich ihrer Erscheinung wegen für Aufsehen und verrenkter Hälse bei so manchen Elmshornern (und Elmshornerinnen, so viel Zeit muss sein) sorgte. Die Leute starrten sie regelrecht ungeniert an. Na, klar. Sie hatte Haare aus der Shampoo-Werbung, dunkel geschminkte Augen, den Mund knallig. Die Bluse hätte eine Nummer größer sein können, dann wären die oberen Knöpfe sicherlich auch zu gegangen, der Rock war eher eine Art Po-Bandage und wäre sogar Tina Turner zu kurz und zu aufreizend gewesen. Kurzum eine offensichtlich sympathische Frau mit sehenswert gutem Charakter.

Um sie herum existierte ein Bannkreis von zwei, drei Metern und näher traute sich scheinbar keiner ran. Doch immer wieder drehten sich links und rechts die Köpfe zu ihr und sowohl nachlässig gekleidete Männer in ollen Cordhosen und praktischen Multifunktionsjacken, als auch kopfkissenfaltige Frauen mit Frisuren, die keine waren, scannten sie immer wieder teils staunend, teils abschätzig von oben nach unten ab.

Natürlich guckte auch ich, aber auch nur so lange es eben nötig war. Andere dafür gafften scheinbar hormonell angefixt und warteten, dass die Bluse sich im nächsten Moment von alleine schließt oder aber platzt - tat sie aber beides nicht. Zwei Frauen steckten flüsternd die Köpfe zusammen und stierten abwechselnd schnippisch in Richtung der Frau, die längst ihren Blick zu Boden gerichtet hatte und auf das Ende der Steinzeit oder zumindest den nächsten Zug wartete.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 18. Juli 2017


Vor der Verblödung: Die Achtziger

Es war nicht alles schlecht damals. Rückblickend sind die Achtziger Jahre wohl das letzte unschuldige Jahrzehnt vor der kompletten digitalen Verblödung. Fast zumindest. 1989 fiel nicht nur die Mauer, sondern auch der Gameboy kam in Massen aus dem Osten zu uns rüber gestürmt und war grauer Vorbote der hässlichen Neunziger mit allen seinen Lastern, wie dem Tamagotchi, der Playstation, Techno, der Diddl-Maus, Handyklingeltönen von Jamba, Windows 3.1, dem Arschgeweih, Kuschelrock und Bravo Hits.
Die Achtziger aber waren weitestgehend noch befreit von solchem Schrott. Verrückte Zeiten, vor allem, wenn man sich mal vergegenwärtigt, dass es noch keine Telefone gab, mit denen man fotografieren konnte und es gab keine Fotoapparate, mit denen man telefonieren konnte. Filme und Musik klaute man noch als Videokassette oder Schallplatte bei „Radio Dörr“ oder „Elektro Meiners“ in Glückstadt und nicht im Internet. Und niemand kam je auf die Idee seine Frau aus dem Supermarkt anzurufen, um sie zu fragen, welchen Käse er kaufen soll. Niemand!
Auch hatte niemand Angst um seine Daten. Wir trugen uns ausgiebig in die zu der Zeit die sittsamen Poesiealben ablösenden, obszönen Freundschaftsbücher ein. Freizügig schrieben wir auf viel zu wenig Platz unsere vollen Namen, das wahre Gewicht und Körpergröße, im weiteren Verlauf unsere Lieblingsspeisen, -lieder, -bands und sogar unsere Lieblingsfächer und Lieblingslehrer. Likes und Dislikes hießen damals noch „das mag ich“ und „das mag ich nicht“. Was da alles für Sachen erfunden wurden, nur um für die damals immer interessanter werdenden Mädchen irgendwie cool und lustig zugleich zu wirken! Traumberuf: Penner oder Rennfahrer. Lieblingsbuch: Ich lese nicht. Hobbys: Faulenzen und Mädchen. Und wenn man sich für einen ganz Witzigen hielt, dann schrieb man bei Lieblingstier: Halbes Hähnchen.
Wir waren unserer Zeit dennoch weit voraus und verschickten auch ohne Smartphone reihenweise SMS. Ein hinten aus dem Heft gerissenes Stück Papier mit einer Kurzmitteilung an eine zu gefallende Mitschülerin diente als analoger Datenträger. Obwohl man wusste, dass so gut wie alle Leute, die den unter Briefmarkengröße zusammengefalteten Zettel unterm Tisch weiterreichten, mitlasen, war man in den Achtzigern noch vollkommen panikbefreit deswegen. Superdoof war nur, wenn so ein Briefchen vom Lehrer abgefangen wurde und laut als Sprachnachricht in der Klasse vorgelesen wurde. Aber der Rest war echt nicht schlecht damals.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 11. Juli 2017


Da war mal Haar da

Haare! Das Thema beschäftigt nicht nur die Frauen. Also ich trag es ja schon länger kürzer und im Grunde muss es ja jeder selber wissen, aber viele andere Männer in meinem Alter halten eindeutig zu lange an ihren Haaren fest, wo schon längst keine mehr wirklich sind. Da werden dann die spärlichen, aber mehr als eindeutigen Tatsachen ignoriert und aufwendig toupiert, geföhnt, von einer Seite zur anderen Seite rüber gekämmt, gebürstet und gestriegelt. Ich tat es auch und dachte, es geht. Aber es ging nicht.

Im Grunde haben wir es mit zwei Arten von Alopezie zu tun – vorne und hinten. Wenn es vorne noch recht passabel sprießt, dann leuchtet nicht selten hinten eine Lichtung im Wald und deutlich schimmert das Brachland auf dem Hinterkopf hervor. Doch Vorsicht, der kreisrunde Anblick animiert möglicherweise das eine oder andere Krähenpaar sich ins offensichtlich gemachte Nest zu setzen und dort ein paar weitere lärmende Flugscheißer groß zu ziehen. Oder aber Variante B: Hinten üppiges Gestrüpp, dichter als der Pelz eines Polarfuchswelpen und vorne eine Stirn so groß wie ein Frühstücksbrett mit Geheimratsecken von hier bis Barmstedt.

In beiden Fällen muss man es tragen wie ein Mann; also erst jammern und dann seine Frau fragen, was man machen soll, weil man es selber nicht weiß. Oft weiß die es aber auch nicht und sagt dann Sachen wie „Hauptsache Du hast Arbeit, Schatz.“ In großer Verzweiflung greift der Mann dann meist zur Flasche, auf der dann Alpecin oder so steht. Diese Mittel helfen dann auch tatsächlich, aber nur den Leuten, die sie verkaufen. Auch alle teuren Tinkturen, stinkenden Salben und brennenden Cremes kosten nur Geld und zerstören letztendlich Hoffnungen auf so etwas wie eine Frisur, wo schon längst nicht mal mehr ein Haarschnitt ist. Reparierende Shampoos und Volumen schenkende Spülungen gehören ins Reich der Märchen, wo nur Rapunzel ihr Haar herunter lässt und Laborleiter Dr. Klenk in der Tat die Wachstumsphasen der Haare durch legales Doping verlängert.

Es hilft alles nichts und irgendwann wachsen einem nur noch dort Haare, wo man sie nicht brauchen kann. Spätestens dann muss die Eitelkeit weichen und das spärliche Resthaar auch. Zwar kann man sich seine Rückenhaare auf den Kopf verpflanzen lassen, aber man sich auch selbst eine reinhauen. Und ein Toupet geht gar nicht, das sieht man doch selbst nachts und mit geschlossenen Augen gegen den Wind. Also, liebe Männer, einfach mal mehr Mut zur Lücke!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 4. Juli 2017


Noch einen an der Waffel haben

Ich tigerte seit Minuten um die Kühltruhe mit dem Eis herum und suchte diese Eiswaffeln, die „Noch Eine“ heißen, etwa zehn Zentimeter lang und zweieinhalb breit, 20 Stück in einer Packung, von Bahlsen. Eigentlich findet man die immer beim Eis, entweder zusammen mit Eissoße auf einem Regal über der Kühltruhe oder auch mit anderem Waffelkram auf einem Warenständer daneben. Aber ich fand nichts.

 

Ein paar Meter weiter bei den Keksen stand eine Angestellte, ich fragte sie: „Haben Sie Noch Eine? Die Waffel?“ Bei der ungewöhnlichen Produktbenennung muss es einfach zu Missverständnissen kommen und die kamen direkt zurück. Sie sah mich einen Moment lange an, als ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte und sagte: „Was? Noch eine die Waffel? Was ist das denn für ein Satz? Ich antwortete: „Noch Eine. Die Waffel. Die heißt so. Die Waffel heißt „Noch Eine! Für Eis, eine Eiswaffel. Noch Eine!“ Sie: Noch eine?“ Ich so: „Ja!“ Sie wieder: „Ääh, ja, wenn, dann beim Eis“ und marschierte entschlossen zur Kühltruhe und ich latschte ihr hinterher. Wir standen da und ich sagte noch mal, wie die Waffel aussieht. Sie sagte, dass sie schon glaubt zu wissen, was ich meine. Doch auch sie fand die Waffeln nicht und sagte, dass sie mal nachfragen könnte.

 

Das fand ich dann nett und dachte, sie würde nun ins Lager gehen oder irgendwo bei einem Kollegen anrufen. Stattdessen legte sie den Kopf in den Nacken und rief durch den ganzen Laden: „Sabinäää?“ Einen Moment später klang von fern leise ein fragendes „Ja-aaa?“. „Haben wir „Noch eine? Die Waffel?“ Ich war gespannt. Auf der anderen Seite des Ladens blieb es still. Zwei Momente später kam offensichtlich Sabine um die Ecke geeilt und sah uns beide an, als ob wir nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten. Sie stand vor uns und fragte „Was haben wir? Ich versteh nur Waffel. Die Angestellte sagte wieder: „Noch Eine. Die Waffel. Für Eis. Der Kunde sagt hier, die heißen so.“ Ich nickte. Sabine: „Und die haben wir?“ „Das ist die Frage!“, sagte ich.

 

Sabine dann: „Ja, wenn, dann beim Eis!“ Sie läuft die Eistruhe auf und ab und findet sie auch nicht. „Nee, ist hier nicht. Ich kann aber mal nachfragen!“ Bevor irgendwas in der Richtung passiert und nach und nach die komplette Belegschaft des Supermarkts einzeln an die Eistruhe gerufen werden kann, sagte ich sofort: „Nein! Bitte nicht. Ist nicht so wichtig. Wäre ja nur schön gewesen!“ Und im Weggehen hörte ich, noch wie Sabine ungläubig fragt: „Noch welche? Und er sagt, die heißen so?“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 27. Juni 2017


Man darf ja gar nichts mehr sagen

Man darf ja gar nichts mehr sagen. Gegen nichts und niemanden mehr. Sofort regt sich irgendein voll veganer, ökostrombetriebener Freilandeier-Walbefreier makelfrei und durchgegendert übel auf, dass man das ja wohl nicht so sagen darf!

 

Mütter mit Kinderwagen dürfen dagegen alles. Sie dürfen zum Beispiel zu dritt nebeneinander in Reihe geschaltet den Fuß-und Radweg blockieren, und wenn man von hinten mit dem Fahrrad angestrampelt kommt und klingelt, weil man vorbei will, dann dürfen sie sich einfach empört mit ihren übergroßen Sonnenbrillen umdrehen und einen (zum sofortigen Einnässen tauglich) massiv anherrschen, dass die Kleinen nämlich gerade eingeschlafen sind und man hier jetzt nicht so laut und grundlos zu klingeln braucht. Auf die wahrheitsgemäße Antwort, dass das Klingeln in diesem Fall dazu diente, das Recht auf freie Fahrt auf dem Radweg dezent einzufordern, wird die Wuchtigste unter den drei Wagenschieberinnen auf einmal spontan physikalisch und grunzt, dass die Rotte der drei Bachen mit ihren Frischlingen sich ja nun nicht mal so eben in Luft auflösen könne. Ich kontere, dass das sich in Anbetracht der vorhandenen Masse am Aggregatzustand wohl so schnell nichts ändern ließe und versichere, dass ich mit einem einfachen Positionswechsel zur Seite schon mehr als zufrieden wäre. Sie schnaubt und bevor es zum Eklat kommen kann, vertraue ich ein weiteres Mal auf die Gesetze der Physik und bestätige, dass Geschwindigkeit Masse mal Beschleunigung ist, und setze meine Fahrt zügig fort.

 

Ein paar Tage später im Bus. Eine andere Herde junger Mütter mit Plärrenschieben so groß wie Schubkarren vom Bau krakeelen draußen an der Haltestelle lauter als die obligatorischen Krähen, dass der Fahrer doch netterweise bitte die hintere Tür öffnen soll. Die Wörter „netterweise“ und „bitte“ fallen in der knappen Aufforderung allerdings nicht, es wird lediglich ärgerlich „Tür auf hinten!“ geschrien. Sie dürfen es schließlich. Anschließend prescht die Windel- und Coffee-to-go-Armada in den mittleren Stehbereich des Busses. Fünf Aletekutschen blockieren den ganzen Bus und die Mutterschiffe drohen dem Fahrer bereits nach der ersten Kurve mit einer Sammelklage und Anzeige wegen gefährlichen Fahrens und Schluckauf beim kleinen Jason Ramon.

 

Ich verpasse meine Haltestelle und die nächsten beiden auch, weil ich nicht zur Tür komme und ja auch nichts sagen darf. Man darf ja gar nichts mehr sagen, auch wenn es eigentlich sein müsste.  

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 20. Juni 2017


Den richtigen Klingelton gibt es nicht

Ja, mit was man seine Mitmenschen nicht alles nerven kann. Nicht nur damit, taschentuchlos den eigenen Rotz im Fünf-Sekunden-Abstand durchs Nasenloch immer wieder bis zum Rand vom Hirn hochzuziehen oder grundlos mit dem Rad im örtlichen Straßenverkehr mitten auf der Straße im Kriechtempo vor den Autos her zu eiern; manchmal reicht sogar schon sehr viel weniger – pure Anwesenheit.

 

Wenn man den Leuten aber mal so richtig schön auf den Sack gehen will, dann stellt man am besten feierabends in der vollen, dichtgemieften Bahn auf seinem smarten Handtelefon für alle hörbar einen neuen Klingelton ein. Dem scheinbar äußerst dickfelligen, jungen Mann, der dies letzte Woche im Großraumwagen in Richtung Elmshorn stoisch bewerkstelligte, ist schon fast jedweder Respekt dafür zu zollen, dass er sich selbst durch durchdringende Todesblicke, hörbar empörtes Luftholen und laut gezischelte Unmutskommentare wie „Muss das etwa nun sein?“ oder „Was denn jetzt noch?“ nicht stören ließ. Ich weiß es ja nicht ganz genau, aber ich bin mir sicher, man kann das auch lautlos machen.

 

Die Wahl des richtigen Klingeltons scheint für so manchen mobilen Telekommunisten mit in die Handfläche implantierter Persönlichkeitsprothese eine wirklich lebenswichtige Aufgabe zu sein, der man sich notgedrungen alle paar Tage stellen muss. Egal wann, egal wo. Notfalls auch unter den kritisch genervten Ohren von 40, 50 wildfremden Menschen, denen der Sinn eher nach viel Ruhe und etwas Stille steht, und nicht nach der abgenudelten Nummer von Ed Sheeran, die einem schon im Radio täglich dutzendfach den Tag verleidet. Oder soll es doch lieber das kardiologisch arhythmische Drum’n’Bass-Medley sein, das zu Tönen gewordene Zahnweh, mit der akustischen Lieblichkeit einer Autobahnbaustelle?

 

Es wurde munter durchprobiert und auf Massentauglichkeit getestet. Die aktuelle Hitparade bis hin zu Platz 25 oder 30 brachte scheinbar kein zufriedenstellendes Resultat und einige Klassiker aus den letzten 200 Jahren Popmusik auch nicht. Kurz bevor der Zug in Elmshorn hielt, waren das Hauptmotiv aus „Der weiße Hai“, der imperiale Marsch aus „Krieg der Sterne“ und das Miss-Marple-Thema in der engeren Auswahl.

 

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mein Handy schon längst ausgestellt, nicht auszudenken hätte ich bei dem ganzen Gedudel einen Anruf bekommen und mein Klingelton wäre im ganzen Waggon zu hören gewesen, denn sind wir doch mal ehrlich – den richtigen Klingelton, den gibt es nicht!

 

Tiedemanns Elbansicht vom 14. Juni 2017


Es geht doch irgendwie weiter in Kollmar

Es war einmal – Kollmar. Nachtragend zu letzter Woche und der zu erwartenden buchstäblichen Demontage meiner geliebten Heimatgemeinde ist ja noch zu sagen, dass nun nicht mehr viel zu sagen bleibt. Irgendwie geht es ja trotzdem weiter. Davon konnte ich mich gerade kürzlich wieder direkt am lebenden Objekt überzeugen. Noch geht im Dorf alles seinen gewohnten Gang.

 

Die Pinneberger parken am Wochenende immer noch die Grundstücksauffahrten zu, die Motorradfahrer reißen nach wie vor verlässlich den Gashahn auf, wenn sie den Hafen wieder verlassen und wenn auf dem Deich ein Schaf mal muss, dann lässt es sich nicht lange bitten. Die Scholle nach Finkenwerder Art (mit Speckstippe und hausgemachtem Kartoffelsalat) kostet seit Jahren immer noch keine 20 Euro und anderswo ist die Softeismaschine bis auf Weiteres außer Betrieb. Irgendwo hängt immer Wäsche, und während in Elmshorn kein Hahn kräht, bellt in Kollmar immer irgendeiner. Manchmal ist es sogar ein Hund.

 

Einen siechenden Niedergang hat das Dorf eh nicht verdient, denn nach Kollmar kommen sie doch alle. Die Hässlichen und die Armen, aber auch die Schönen und die Reichen. Ans Wasser, zum Feiern, zum Rumlungern. Elmshorn ist supernormal und Kollmar eben supergeil. Hier hat Komiker Otto Waalkes (war in den Achtzigern zuletzt witzig) an der Fressbude ein Fischbrötchen gegessen. Tony Sheridan war hier, Dieter Thomas Heck auch. Und Michael Stich ist früher als Kind bestimmt mal mit dem Fahrrad im Sommer nach Kollmar geastet ist, um hier zu baden. Ach nee, der hat ja nur den ganzen Tag ständig Tennis gespielt.

 

Kollmar ist die Perle mit Strand, die Hamburg nie war. Als wenn das alleine nicht schon reichen würde; vom Faktensender RTL erfuhr man gerade erst letzte Woche im Originalton vom überregional bekannten Schauspieler Ben Becker, dass er in Kollmar tatsächlich das Fahrradfahren erlernt hat. Ich war beeindruckt. Angeblich auf dem Deich. Ich wurde skeptisch. Als er sich dann nicht zu schade war zu sagen „…und fühl mich hier auch auf 'ne Art und Weise sehr zu Hause“, da merkte ich, dass der Typ halt ein Schauspieler ist und einfach funktioniert, wenn eine Kamera läuft!

 

Gut, dass Hollywood immer mal wieder in Kollmar vorbeischaut und die gähnende Valiumidylle zum Unterhaltungskrimi macht. Michael Söth und seine „Deichbullen“ gehen in die nächste Runde, die Softeismaschine wird es auch irgendwann wieder tun, die Elbe bleibt eh, was sie immer war. Kollmars Frist ist also noch etwas verlängert.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 6. Juni 2017

 


Und in Kollmar gehen die Lichter aus

Letzte Woche Freitag hatte ich den Brief im Kasten! Nun war es also offiziell. Gehört hatte ich ja schon davon, der Dorffunk in Kollmar ist schließlich sehr verlässlich, was so was angeht, aber so recht geglaubt hatte ich dennoch nicht dran. Nun ist es aber amtlich und die Sparkassenfiliale im Ort macht dicht. Der Grund: Es geht keiner mehr hin, Geld hat sowieso keiner mehr und den Rest regelt man heutzutage eh online im Internet. Im Schrieb hieß das dann „Neuausrichtung der Geschäftsstellenstruktur“; darüber hinaus war ferner von einem veränderten Kundenverhalten die Rede. Also im Grunde sind wir am Ende natürlich alle wieder selber schuld.

Nun wird also ein weiteres Stück vom Dorf einfach mal abgeschafft. Als ich noch offiziell Kind war, musste ich das Dorf nur verlassen, wenn ich meine Oma besuchen wollte oder zum Zahnarzt musste. Der Rest fand in Kollmar statt. Wir hatten ja alles damals! Wenn ich krank war, ging ich zu Dr. Burmeister, wenn ich zum Friseur musste (Stirn halb frei, Ohren halb bedeckt), zu Herrn Paden und später zu Elmar Sievers. Der auch die Poststelle in Kollmar führte. Hier ging ich zur Schule, hier kaufte ich auch ein.

Wir hatten zwei Läden im Dorf und was man im einen nicht bekam, das fand man dann im anderen, und wenn es das dort auch nicht gab, dann ging man zu Scharp. Dort gab es Fahrradflickzeug, Glühbirnen und Leerkassetten. Noch früher hatte Kollmar sogar mal eine Tankstelle. Echt wahr! Städte wie Glückstadt oder Elmshorn brauchten wir im Grunde nur ausnahmsweise mal und Hamburg war uns sowieso vollkommen piepe. Und das Internet, das kümmerte uns damals nicht im Geringsten. Ohne Datenvolumen und WLAN war unsere Welt wirklich noch ein kleines bisschen heiler. Und geiler!

Ja, man kann da schon etwas melancholisch werden, vor allem wenn dann demnächst auch noch der Schlachterladen im Dorf zu macht. Dann haben wir gar nichts mehr. Wie lange sich die kleine Schule und die letzten Bauernhöfe halten, bleibt abzuwarten. Demnächst werden dann sicherlich noch die Postkästen abmontiert, denn es wird bald auch niemanden mehr geben, der Briefe schreibt. Am Ende wird dann noch der einzige Bürgersteig im Dorf für immer hochgeklappt. Klappe zu, Affe tot. Und der Bus mit den Leuten, die das interessiert, fährt dann auch nicht mehr nach Kollmar.

Am Ende kommen schließlich noch die Straßenlaternen weg und denn gehen in Kollmar ganz die Lichter aus. Was bleibt, ist die Elbe und zweimal Ebbe am Tag und zweimal Flut. Mehr nicht.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 30. Mai 2017


Der freie Knöchel ist das Ende der Socke

Die aktuelle Herrenmode treibt einmal mehr seltsame Stilblüten. Derzeit schreibt das strenge Modediktat es vor, dass auch die Männer ihre dicken Hamsterbeine oder dürren Pommesknüppel in röhrenartige Hosen stecken und diese dann bis über den eigenen Knöchel hochkrempeln. Dazu hat man dann bestmöglich amerikanische Turnschuhe zu tragen und die Mauken selbst stecken in diesen knappen Unsocken, die lediglich vertikal von den Zehen bis zur Ferse reichen, aber das Bein nicht einmal ansatzweise von unten aufstrebend bedecken. Wo ist da bloß die urdeutsche Tradition geblieben sich als teutonischer Mann seine (weißen Tennis-) Socken mit Urgewalt stramm in Richtung Knie zu reißen und diesen perfekten Sitz halbstündlich zu kontrollieren?

Eigentlich war dieser zweifelhafte Look den Frauen vorbehalten, die durch das Aufkrempeln der Hose und das Abkrempeln oder vollständige Weglassen der Socken die schmalste Stelle ihres Körpers latent erotisierend betonen wollten, und in einigen Kulturen gilt die Fessel ja bekanntlich als erogene Zone. Also nicht in allen und auch nicht alle Fesseln!

Zurück aber zur Hose, die zum nackten Knöchel am besten auch noch zerschlissen und vor allem in Kniehöhe weit aufklaffend hipp sein muss. Ganz nebenbei bemerkt: Ich hatte auch mal so eine Hose, die meine Mutter aber sofort, nachdem ich aus voller Fahrt vom Fahrrad auf die Straße geditscht bin, unmittelbar in die Mülltonne schmiss. Die Hose war damals hin, heute wäre sie wohl genau richtig. Damals sagte man noch „Loch im Knie“, heute hätte ich eine Asphaltintoleranz.

Was aber bewegt 15- bis 39-jährige Männer und noch bedeutend ältere Knacker ihre unansehnlich baren Knöchel in aller Öffentlichkeit unbedeckt zu zeigen? Mag es bei den Frauen ja noch meistens recht ansehnlich sein, gehört die männliche Körperregion zwischen Fuß und Wade ganz bestimmt nicht zu den attraktivsten. Vor allem nicht, wenn sich drahtige Beinbehaarung widerlich wie Spinnenbeine ins Blickfeld wuselt.

Dass aktuelle Mode nicht immer etwas mit Attraktivität und sich gut kleiden zu tun hat, wissen wir spätestens seit dem Arschgeweih oder der Jogginghose in Schule, Konfirmandenunterricht und Büro. Ich persönlich hab ja nichts weiter gegen den derzeitigen Knöchelfetisch, ich finde ihn lediglich ziemlich hässlich und verstehe ihn nicht. Und es treibt mich weiter die Frage um, was wohl als nächstes dann Trend ist. Nee, eigentlich will ich es lieber gar nicht wissen.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 23. Mai 2017


Wenn schon überfahren werden, dann mit Stil

Zur Abwechslung mal etwas in eigener Sache. Dass Sie jetzt diese Zeilen hier tatsächlich lesen können, grenzt wahrscheinlich schon an ein Wunder. Oder Zufall. Aber wo ist da schon der Unterschied? In der letzten Woche bin ich nämlich fast überfahren worden. Zwar ohne tiefere Absicht, aber das hätte die Sache nun auch nicht besser gemacht.

Ich fuhr mit dem Auto auf einen recht bekannten Parkplatz hier im Dorf, bei dem die einzelnen Stellflächen in einem etwa 70-Grad-Winkel zur Fahrtrichtung markiert sind. Diese Anordnung erleichtert das Vorwärtseinparken ungemein, einzig die wahrscheinlich aus den frühen Achtzigern stammende Abmessung in der Breite, als der Golf I das Maß aller Dinge war, und von modernen SUVs, wie dem Nissan Qashqai oder einem Leopard II und anderen containergroßen Geschossen mit arroganter Überbreite noch nicht einmal schlecht geträumt wurde, ist für den ungeübten Einparker (und die Einparkerin natürlich auch) schon etwas herausfordernd.

Ich parkte meinen VW (innerhalb der Markierung, natürlich), zog die Handbremse, lies das Lenkradschloss einrasten und stieg aus. Sofort mutierte ich vom offensiv mächtigen Automonster zum scheuen, verletzlichen Fußgänger, dem schutzlosen Freiwild unter den Verkehrsteilnehmern.

Neben mir fuhr im nächsten Augenblick eine junge Frau in ihrem Kia Picanto (das ist fast so etwas wie ein richtiges Auto) in die freie Parklücke. Obwohl Ihre Kiste locker zwischen die zwei weißen Striche auf dem Boden passte, traf sie den Stellplatz nicht einmal ansatzweise mittig und musste korrigieren. Hörbar wühlte sie im Getriebe (es geht also auch ohne Kupplung) und haute just in dem Moment den Rückwärtsgang krachend rein und fuhr gleichzeitig rasant rückwärts, als ich direkt hinter dem fahrenden Abiaufkleber entlang ging. Zuerst dachte ich, meine Hüfte bricht schon mal vorher, bevor ich überhaupt getroffen wurde, aber panthergleich sprang ich mit ungeahnter Federkraft, aber wenig Eleganz etwa einen halben Meter hoch und gleich mehrere zur Seite.

Wie knapp! Sie winkte mit verkniffenem Lächeln aus dem Seitenfenster, was ich wohl als Entschuldigung werten sollte. Noch mit zitternden Knien und einem Puls wie ein Hydrant stand ich mitten auf der Fahrbahn und freute mich, dass ich vor Schreck nicht eingenässt hatte und mein Leben nicht an Ort und Stelle durch ein koreanisches Fast-Vehikel beendet wurde. Wenn schon auf diese Weise, dann bitte etwas mit mehr Stil und ordentlich PS!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 16. Mai 2017


Kein Pfand für "Hohes C"

Was sind das nur für Leute, die anscheinend nur einmal im Vierteljahr ihre Pfandflaschen abgeben? Und das dann scheinbar für eine zwölfköpfige, permanent dürstende Familie oder für die ganze Straße gleich mit. Mit dem Einkaufswagen voller leerer Flaschen und Dosen und zwei dicken gelben Säcken im Anschlag stand da gerade neulich eine Frau vor dem letzten funktionierenden Pfandautomaten im Foyer vom Supermarkt und zelebrierte die automatisierte Leergutrücknahme ausgiebigst.

Ich stand mit meinen drei Pfandflaschen unterm Arm dahinter und hatte nur Angst, dass der Laden schließt, bevor das Mutterschiff ihr gesamtes Leergut im Wert von geschätzten 250 Euro abgegeben hat. Jede einzelne Flasche wurde hektisch und mit spitzen Fingern in den schmalen Schacht geschmissen, als hätte sie Angst, dass ihr brutal die Hand abgehackt werden könnte, wenn sie da zu weit reinlangt. Von außen konnte man beobachten, wie sich im Automaten jede Flasche ein paar Mal um die Längsachse drehte und dann durch einen blauen Lichtblitz abgescannt wurde, bevor sie dann nach irgendwohin in den Raum dahinter verschwand. Dieser Prozess passiert immer verlässlich von ganz alleine, ohne dass man ihn optisch verfolgen muss. Sie tat es dennoch! Ich hatte keine Lust noch einmal zurück zum Auto zu latschen, um die Flaschen zurück zu bringen, also tat ich mir die ganze Nummer an und warte mehr oder weniger geduldig. Also, eher weniger.

Dann piepte der Automat auf einmal und auf dem Gerätedisplay war die Information „Behälter voll“ zu lesen. Sie rallte es nicht und fragte in den Raum hinein: „Was ist denn jetzt?“ Ich sagte ihr, dass der Behälter offensichtlich voll ist, was ja nach 5000 Flaschen kein Wunder ist. Sie ignorierte das und holte einen Angestellten. Nach ein paar Minuten lief der Kasten dann wieder.

Ihr Einkaufswagen war mittlerweile geleert, jetzt waren die Säcke dran. Der zweifelhafte Geruch von gegorenen Getränkeresten und vertaner Zeit waberte betäubend durch die Gegend. Ich musste fast brechen und der Automat piepte schon wieder. Diese eine braune Flasche kam immer wieder raus, auch wenn sie sie mehrmals und in verschiedene Richtungen in den Schacht donnerte. Nach der fünften Wiederholung fühlte ich mich genötigt meine bescheidene Meinung zu äußern und sagte ihr, dass man für leere „Hohes C“ Flaschen keinen Pfand bekommt, auch wenn man es mit Starrsinnigkeit versucht und Ende muss wohl der Klügere nachgeben. Und sie so: „Nee, nee. Der nimmt die gleich!“ Das war dann übrigens der Moment, als ich meine Flaschen wieder zum Auto brachte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 9. Mai 2017


Agrarökonomendisco in Dückermühle

Letztens bin ich mit dem Auto durch den Sommerländer Ortsteil Dückermühle gefahren. Was für ein Flashback! Das war wie „Zurück in die Zukunft“ und „Planet der Affen“ auf einmal! Denn schon der Name Dückermühle alleine reicht, um nicht wenige vor 1975 Geborene schlagartig spontanalkoholisiert zusammenzucken zu lassen und unweigerlich nachhaltig mit milchigen Halb-Erinnerungen an schweißtreibende Landvolkdiscos und krachende Saalschlägereien, die ebendort regelmäßig in der gleichnamigen Gastwirtschaft stattfanden, zu versorgen. Dazu der zweifelhafte Geschmack von Sprite-Korn. Dressing für den Kopfsalat.
Die Party fand aber nicht nur drinnen im Saal statt, wo Discjockey-Koryphäen wie Stefan Wahnsinn oder Harry Sack die schon damals in die Jahre gekommenen Durchdreh-Klassiker „Knock on wood“, „Live is life“ oder etwa „Ich will Spaß“ endlos von Schallplatte abnudelten, sondern auch vor der Gastwirtschaft, auf der Straße und auf den zu weitläufigen Parkplätzen umfunktionierten Weiden. Dort standen zahlreiche Opel Kadetts und Ford Escorts mit IZ-, PI- und auch HEI-Kennzeichen, auf deren von innen beschlagenen Heckscheiben protzige Aufkleber mit den Schriftzügen von Kenwood oder Pinoneer (ich weiß bis heute nicht, was das zu bedeuten hat) prangten, und in denen die Feier paarweise weiterging, wenn Sie wissen, was ich meine.
Obwohl hier die Rede von der Mitte der Neunziger Jahre ist, eine Zeit, in der die Menschen noch dachten Dr. Alban und Haddaway wären die Retter der Popmusik und McDonalds ein Restaurant, war die Zeit in Dückermühle gute 15 Jahre vorher stehen geblieben, vor allem auch in Bezug auf die Mode und Frisuren besonders der Gäste, die von der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals (nur um das Wort Dithmarschen zu vermeiden) und den Dorfgemeinschaften rund um Pinneberg hier zum billigen Feiern angerauscht kamen. Weiße Tennissocken zu schwarzen Slippern und der akkurate Mittelscheitel exakt über dem flaumigen Oberlippentoupet waren noch nie schön, in Dückermühle gehörten sie jedoch zur Standardausrüstung.
Hier bekam ich das erste Mal ernsthaft Haue angedroht („Sach mal, hast Du an der Steckdose geleckt?“), weil ich ohne Absicht und aus Versehen das Mischgetränk eines donnervollen Australopithecus aus dem Nachbarkreis verschüttet hatte. Er bedrängte mich unter Zuhilfenahme eines Schraubzwingengriffs an meinen Oberarm es für ihn und seine Freunde gleich mit gleichwertig zu ersetzen. Der Abend war für mich dann zumindest zu Ende.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. April 2017


Ich bin nicht Jan

Letzte Woche traf ich zufällig auf dem Gleis Richtung Feierabend einen Schulkameraden von mir, den ich bestimmt zehn Jahre oder länger nicht gesehen hatte. Er stand da ein paar Meter entfernt und das reichte schon, dass er mir so bekannt vorkam. Dieser bedröppelte Gesichtsausdruck mit dem Schielen über den Brillenrand hinweg, diese leicht zusammengesackte Körperhaltung, dieses unterschwellig deplatzierte Verhalten beim Rumstehen. Ich guckte hin und wieder weg und wieder hin und dachte mir. „Das ist er doch!“ Und dann war er es auch.

Die letzten Jahre waren nicht unbedingt gut zu ihm gewesen, es sei denn kreisrunder Haarausfall, ein unübersehbares Frikadellengrab und schlurfender Gang auf Knick-Senk-Spreiz- und Plattfüßen waren sein erklärtes Lebensziel. In der Schule war er uns anderen stets, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Mathe, immer schon ein paar Jahre voraus. Nun hat sein Körper endlich seinen Geist eingeholt.

Er schielte rüber. Ich ging auf ihn zu und sagte eine der drei großen unverfänglichen Dämlichkeiten, die man in so einem Moment sagt, wenn man nichts weiter als unbedeutenden Smalltalk betreiben will und nicht durch vermeintlich plumpe Vertrautheit unbedacht etwas Falsches sagen will – „Na, wartest Du auch auf den Zug?“ Das muss man sich erst einmal trauen!
Ich hätte ja auch lügen können und so einen Schwindelmist wie „Mensch, Du hast Dich kaum verändert!“ oder „Alter, gut siehst Du aus. Gehst Du in die Kompressorbude zum Eisenbiegen, oder was?“ sagen können und ihm dabei zärtlich in die schlaffe Büffelhüfte boxen können. Oder verhängnisvoll fragen können, ohne es wirklich wissen zu wollen: „Na, wie geht’s?“ Er taperte auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: „Hallo Jan. Na, wie geht’s?“

Wie viele Gedanken einem da in weniger als einer Sekunde durch den Kopf schießen können, wenn es nicht gerade um Mathe und Naturwissenschaften geht, ist bemerkenswert. Wir hatten damals tatsächlich einen Jan in der Klasse, aber ähnlich sah ich ihm nicht. Dennoch schien er mich mit ihm zu verwechseln. Am Ende blieb die Frage, ob ich ihm die Peinlichkeit ersparen sollte, dass ich nicht Jan bin, oder sollte ich die Gelegenheit nutzen und einmal etwas besser wissen als er?

Ich brachte es nicht übers Herz. Ich fragte ihn, ob er nun öfter diese Strecke fährt und wir uns jetzt wieder öfter treffen würden. Er schüttelte den Kopf und ich sagte: „Das ist gut, das ist sehr gut!“ Er verstand es nicht, musste er auch nicht.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. April 2017


Nächster Halt: Mitten im Weg!

Diese dauernde Baustellenpolemik in Elmshorn scheint langsam chronisch zu werden und taugt für eine weitere ganze Stadtmarke. Also falls man mal wieder zufällig einen hippen Slogan fürs Dorf sucht, sollte man da mal ansetzten. Elmshorn – wir hatten mal Verkehr! Das letzte großspurige Verzögerungsarrangement bestand (bzw. besteht teilweise immer noch) aus der bremsenden Fahrbahnverengung in der Westerstraße, der Totalsperrung des Wedenkamps in Höhe vom ehemaligen Pornoladen, der Schließung der Hafenspange und dem Komplettabriss der Krückaubrücke in der Wittenberger Straße.

Wer sich da zur Feierabendzeit auf den letzten freien Wegen durch die Stadt machen wollte, um vielleicht zum Einkaufsladen zu fahren, weil die Vorräte mittlerweile knapp geworden waren, der tat gut daran vorher seine Lieben daheim noch einmal innig zu drücken – „Vergesst mich nicht, ich komme wieder. Irgendwann.“

Als ich letzte Woche nach der Arbeit vom Parkdeck am Steindammpark stadtauswärts in Richtung Kollmar wollte, eine Strecke, für die man normal (aber was heißt das hier schon) bis zum Ortsschild keine sieben Minuten braucht und nachts noch viel weniger, da stellte ich mich schon auf eine Übernachtung im Auto ein. Auf der Linksabbiegerspur in der Holstenstraße in Richtung Schulstraße ging es nämlich nur mit Rostgeschwindigkeit weiter und ich machte mir schon Sorgen, dass bei meinem Auto in der Zwischenzeit der TÜV ablaufen könnte.

Ich erreichte irgendwann, nachdem ich die Nachrichten im Radio schon zweimal gehört hatte, die Kreuzung mit Müh und Not und sah für mich ganz gute Chancen in den nächsten 20 Minuten mit allen vier Reifen auf der Schulstraße zu stehen, da rollte ein Stadtbus vom ZOB kommend auf die Kreuzung und blieb dort stehen. Nächster Halt: Mitten im Weg!

In den Autos vor und hinter mir schlugen sich die Leute fassungslos mit der flachen Hand an die Stirn Kopf, als hätte einer, der es eigentlich können müsste, beim Stande von null zu null in der Nachspielzeit einen Elfmeter ohne Torwart versemmelt. Es wurde grün und wieder rot und wieder grün und noch mal rot, ohne dass sie irgendwas regen konnte, nur ein paar ärgerliche Hupen wurden restlos leergehupt. Noch mal grün und rot und innerhalb der nächsten Viertelstunde zeitlupte der Bus mühsam von der Kreuzung.

Mittlerweile musste ich mal dringend für kleine PKW-Fahrer und dachte unter Tränen an früher, als man hier noch für überhöhte Geschwindigkeit geblitzt werden konnte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 18. April 2017


Bei Stromausfall funktionieren nur noch die Krähen

Kaum fällt mal der Strom aus, ist das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt und unser sonst so bequemer Alltag funktioniert auf einmal nicht mehr. Wie weinerlich und weich ist unsere heutige Gesellschaft eigentlich bloß geworden? Vor guten 150 Jahren hätte so ein Stromausfall selbst über Tage niemanden weiter gekümmert.

Am Mittwochmittag aber wurde hier der halben Stadt der Stecker gezogen und wer zu der Zeit gerade Fernsehen anhatte, der guckte in die Röhre. Elmshorns Süden sowie in der sympathischen Umlandgemeinde Kölln-Reisiek war der Strom ausgefallen und etwa 20.000 Leute waren von dem Ausfall betroffen. Der Grund für den Ausfall war, so erfuhr man, ein technisches Problem. Donnerwetter, damit hatte ich nicht gerechnet! Göttlicher Wille oder sogar flächenweit unbezahlte Rechnungen ja, aber niemals ein technisches Problem. Nicht bei Strom!

Zuerst war ich persönlich gar nicht weiter betroffen, dann um die Uhrzeit herum legte ich gerade auf der Arbeit irgendwo in Hamburg die Füße hoch und nahm einen doppelten Espresso dazu. Über das Funktelefon erreichte mich die dramatische Nachricht, dass Elmshorn gerade saftlos daniederliegt und der einzige Strom, der fließt, nur die Krückau war. Mein erster Gedanke war aus einer fernen Arroganz heraus: „Was geht mich das an?"

Ganz nebenbei bemerkt ist genau das der Grundgedanke, der jeden Hamburger und seine Frau beseelt, wenn es um Dinge geht, die ihn nicht tangieren und im Kreis Pinneberg liegen. Doch als ich im grellen Lichte der mittäglichen Neonröhre trotz Mike-Tyson-Kaffee schon fast wegzudämmern drohte, da durchfuhr es mich auf einmal wie ein Blitz und ich war in weiteren Gedanken sofort bei meiner unelektrifizierten Heimat- und Geburtsgemeinde.

Denn siedend heiß fiel mir ein, dass ja auch mein Kühlschrank ohne Strom nicht laufen würde und das dort im Gefrierfach einzig gelagerte Würfeleis tauen würde und ich es anschließend nur noch wegschmeißen können würde. Hinzu kam, dass ich morgens noch extra die Waschmaschine programmiert hatte, um abends aprilfrische Wäsche aufhängen zu können. Das alles war nun für die Katz; die Wäsche und auch das Eis.

Der dritte, trostlose Gedanke war, dass es nicht nur mir so gehen würde, sondern auch etwa 50.000 anderen Elmshornern. Denn dass nicht die ganze Metropole betroffen war, wusste ich zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht. Ich stellte mir die Stadt ohne Strom vor und wusste, dass das Einzige was jetzt noch funktioniert die Krähen sind!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 11. April 2017


Als Sportler verkleidet einkaufen

Manchmal kann es so einfach sein. Nicht nur Hosenträger heißen nach ihrer Funktion, auch Turnschuhe, Jogginghose, Sweatshirt und Trainingsjacke weisen allein schon mal von ihren Namen her auf Kleidungsstücke hin, die voranging fürs Sporttreiben konzipiert worden sind. Ich weiß, es gibt nicht wenige Leute, hinweg durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten, Migrationsvordergründe und Geschlechter, die so ein Bewegungsoutfit durchaus zur Brot erwerbenden Arbeit tragen und dabei keine Sportlehrer oder Bundesligaprofis (in was auch immer) sind.

Ich weiß auch, dass einige Ihr Wochenende in nichts anderem verbringen als in solchen Klamotten, die eher an einen Pyjama erinnern (und auch seine vorrangige Funktion übernehmen), als an reguläre Kleidung, mit der man als Erwachsener ernst genommen wird. Und wie selbstverständlich wird auch zum Einkaufen in arschloser Sofahose gedackelt, die dann in weit hochgerissenen, weißen Tennissocken steckt. Dazu eine Baseballkappe auf dem öligen Kanisterkopp, der sonst mit dem nordamerikanischen Schlagballspiel nicht das Geringste am Hut hat. Ich weiß nie, ob mir in solchen Momenten Leute begegnen, die aus dem Krankenhaus abgehauen sind, wo diese Montur ebenfalls nicht unüblich ist, zumindest bei den Patienten. Den Doktor erkennt man immer noch am weißen Kittel.

Der Grund tut nichts zur Sache, aber nun passierte es unlängst, dass ich für mich ungewöhnlich in schlapper Büx und Sportpullover gewandet unterwegs war und noch einmal dringend zum Laden musste. Zum Nachhausefahren und Umziehen war keine Zeit, also musste es halt so und vor allem schnell gehen. Es war mir dennoch mehr als unangenehm.

Ich stürmte also rein ins Geschäft, als würde ich den Laden überfallen wollen oder eine volle Blase haben, was ich auch tatsächlich hatte. Zwei Angestellte guckten mich erschrocken an. Ich nickte ihnen knapp zu und stierte dann starr zu Boden und fühlte mich wie der einzige Verkleidete auf einer Bad Taste Party und ich hoffte nur keinen Bekannten zu treffen.

An der Kasse waren fünf Leute vor mir und an der Pole Position zählte eine Oma die Centstücke einzeln aus dem Portemonnaie. Hinten rückte schon der Nächste ran und nach ein paar Momenten schon sich langsam von der Seite ein Gesicht in mein Blickfeld. Ich ignorierte es zunächst, aber hörte im nächsten Moment ein ungläubiges, aber merklich hämisches „Tatsächlich! Mensch, Arne, ich hätte Dich ja fast nicht erkannt. Was machst Du denn in so einem Aufzug hier?“

Und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich mich nicht rausreden konnte, bei der Wahrheit und nichts als der Wahrheit bleiben musste und sagte nach einer Sekunde der absoluten Stille nur ein Wort – Einkaufen!“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 4. April 2017


Ich bin nicht normal und auch nicht super!

Bislang dachte ich von mir ja, ich wäre ein verständiger, wohlüberlegter, toleranter Typ mit vorurteilsfreier Grundmeinung und uneingeschränkter Akzeptanz anderer Meinungen, wenn man mal von Fußball, Frauen und Speisen, die Rosinen oder Kokos enthalten, absieht. Bin ich aber scheinbar nicht, denn diese dämliche Stadtmarke mit dem normalen Super in Rosa und dem Logo, welches früher mal ein Schiff war und heute nur noch wie ein Stück gekachelte Badezimmerwand aussieht, geht mir gewaltig auf die (und alle schwächlichen Gemütsbambis, die bei „Der kleine Lord“ immer noch das Flennen kriegen, lesen nach der nächsten Klammer nun mal nicht weiter) Eier!

Da meine Eltern mich aber zu einem geduldigen Menschen erzogen haben, bin ich durchaus bemüht es immer noch verstehen zu wollen, warum die einstige Stadt der Auslegeware und Frühstücksflocken jetzt auf einmal mit dem Bleifuß auf die Euphoriebremse tritt und sich selbst als pinken Durchschnitt versteht. Genau aus diesem Grund hab auch ich die testosteronstarke Schwafelrunde letzte Woche besucht, die am Tapeziertisch hockend das Für und Wider des „Claims“, wie der Reklame-Hipster mit dem Zuchtbart und der teuren Brille nicht müde wurde zu betonen, zum Teil hitzig, zum Teil abstrus bekakelte.

Nach zwei Stunden heißer Luft und jeder Menge Polemik war ich nun auch nicht schlauer und wusste nur eines: Ich bin nicht normal und auch nicht super! Und wie man die Begrifflichkeiten auch dreht und wendet und immer wieder wiederholt – doof bleibt doof. Der schicke Werber würde nun wieder behaupten, dass er genau das erreichen wollte. Ich lass ihm den Gedanken gerne.

Aber es nützt ja nun alles nichts! Ich hab mich nämlich nun dazu entschieden meine eigene Stadtmarke auf den Weg zu bringen und mich über die Gesetzte der verordneten Normalität hinwegzusetzen. Ich erhebe die hier von allen so verhasste Krähe zum neuen Wappentier der Stadt und „claime“ mit „Elmshorn – hier kräht kein Hahn!“ und alternativ dem bereits unlängst von mir zum Vorschlag gebrachten „Elmshorn – nicht so scheiße wie Pinneberg!“

Ab demnächst biete ich dann auch in meinem Onlineshop Miederwaren in allen Größen und Postkarten an, die den Slogan grußspurig propagieren, und verspreche den damit erzielten Erlös für weitgehend zu verprassen. Einer muss es ja tun und dem kleinkarierten Wahnsinn etwas entgegen halten. Und wenn sich jetzt einer oder keiner drüber aufregt, dann ist es genau das, was ich erreichen wollte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 28. März 2017


Romantik pur – das Partnerkennzeichen

 

Ganz, ganz früher, in einer Zeit, die man Achtzigerjahre nennt, hingen überall in grün gekachelten Badezimmern Handtücher rum, die unten in der Ecke in geschwungener Streberschreibschrift entweder „Er“ oder „Sie“ eingestickt hatten. Wenn man es also wirklich ernst miteinander meinte und das Leben restlos miteinander teilen wollte, dann trennte man ab dem Zeitpunkt an strikt die Handtücher.

 

Heute, in einer total gegenderten Welt mit über 60 anerkannten Geschlechtsidentitäten (Achtung: Nicht in allen Ländern und Köpfen), reicht das natürlich nicht mehr aus und ist obendrein zu tiefst diskriminierend, wenn sich alle anderen Orientierungen zwar die Daddeln waschen, sie aber nicht abtrocknen können. Um als besuchende Person da also nicht weiter in eine gewissensbissige Bredouille zu kommen, gab es dann manchmal noch die Sammelvariante „Gäste“.

 

Ich selbst habe zu Hause für alle Geschlechter lediglich nur ein gemeinschaftliches Handtuch anzubieten, auf dem schnörkelig „Nimm mich!“ eingestickt ist. Das ist heute selbstverständlich ebenfalls grenzwertig; diesen Spruch findet man heute höchstens nur noch auf knapp sitzenden T-Shirts von promiskuitiven Discobesuchern und Rinnen (und 58 weiteren Begattungswilligen) mit eindeutiger Abschleppabsicht.

 

Auf deutschen Campingplätzen reicht ein identischer Freizeitanzug aus pastellfarbener Ballonseide als hauptsächliches Symptom der Zusammengehörigkeit vollkommen aus und bis vor Kurzem war das gemeinsame Partnertattoo auf dem Oberarm oder der Gesäßwange der letzte Schrei (vor allem beim Erstellen), wenn man meinte, ein Ehering allein wäre zu gewöhnlich.

 

Wer heute aber offen aller Welt sein Bündnis zu einem Lebensgefährten zeigen will, der führt Partnerkennzeichen an den Autos, die sich lediglich in einem Buchstaben oder einer Ziffer unterscheiden. Persönliche KFZ-Kennzeichen mit Initialen und Geburtsjahr sind voll out. Die dekadente Fortführung ist die Durchnummerierung des familiären Fuhrparks. Flaniert man durch die Wohngebiete mit Einzelhausbebauung und Doppelgarage, dann sieht man auf den Grundstücken anstatt schnörkelig eingestickter „Ers“ und „Sies“ PI-Kennzeichen, die zum Verwechseln ähnlich sind. Da steht PI ML 35 neben PI ML 36 und gleich beim Haus nebenan parkt ein A6 mit PI EP 111 vom Carport, in dem ein Mini mit vertauschter Buchstabenfolge und identischer Nummer auf dem Kennzeichen steht. Romantik pur! Also mehr kann Liebe nun wirklich nicht.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 21. März 2017

 

 


Ganz großes Kino

 

Früher war nicht alles schlecht. Früher war hier das Kino nämlich mitten in der Innenstadt. Es gab nur drei Säle, aber es wurden Filme gezeigt, die man sehen wollte und vor allem gesehen haben musste („Zwei Nasen tanken Super“, um nur einen zu nennen) und nach dem Film ging man zum Kochlöffel rüber, um noch einen veganlosen Happen zu essen. Und das nächste kleine Kino war nur ein paar Meter weiter.

 

Heute ist das ganz große Kino weit draußen im Gewerbegebiet, noch an Kegelbahn und Baumarkt vorbei, dann aber gleich hinter der amerikanischen Botschaft links. Man ist schneller mit dem Auto aus Pinneberg oder Tornesch dort, als aus Elmshorn mit dem Tretesel. Das letzte Stück des Weges gibt es nicht einmal einen Radweg, sodass man lebensmüder als Bruce Willis in „Stirb langsam“ es je war, auf der Straße fahren muss und mindestens dreimal fast von Kirmes-BMWs mit Unterbodenbeleuchtung und schwarzen Scheiben über den Haufen gekachelt wird.

 

Ist man dann tatsächlich am Kino angekommen, weiß man im Grunde gar nicht, was man da eigentlich will, denn außer Hollywood-Blockbustern und deutschen Komödien von, mit und über Til Schweiger läuft dort fast nichts. Seit Wochen blockieren die filmgewordene Unlustigkeit für zwei Stunden „Willkommen bei den Hartmanns“ und der biedere Quälereistreifen „Fifty Schades of Grey“ wertvollen Leinwandplatz. Sind die Elmshorner und die Auto-Pinneberger wirklich so humorreduziert bzw. so dermaßen rallig, dass solche Filme endlos das Programm füllen? Und für alle, die früh mit ihren Hausaufgaben fertig sind, läuft bis zu viermal täglich „Bibi & Tina“, eine quietschige Jugendverblödung ohne richtige Handlung, dafür aber mit anspruchslosem Gesinge.

 

Es müssen ja nun keine finnischen Schwarz-Weiß-Dokumentationen ohne Dialoge und mit französischen Untertiteln sein oder Spielfilme laufen, die selbst für 3Sat und Arte zu anspruchsvoll sind, aber ein bisschen mehr Gehalt oder zumindest Bandbreite darf es schon gerne sein. Aber alles, ohne Schießerei, Tote, Gewalt und Sex kommt beim hiesigen Publikum anscheinend nicht gut an und wird folglich nach bereits einer Woche im kleinsten Saal, wenn überhaupt, wieder aus dem Programm geschmissen.

 

Aber sonst Hauptsache alles in 3D und irre lautem Sound, der einem sofort das Mittelohr entzündet. Und mit einem Zalandokarton voller Nachos auf dem Schoß wartet Elmshorn nun sehnsüchtig auf „Achtohrhintern“ oder die nächste Superheldengrütze mit romantischen Vampiren. Klappe, Film ab!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 14. März 2017

 


Ein schöner Abend mit Zitronen

 

Am Ende eines recht bekannten Supermarkts dieser Stadt karrte ein katalogtaugliches Pärchen, etwa halb so alt wie ich, merklich unentspannt seine Einkäufe an die Kasse. Er lehnte genervt mit verschränkten Armen über dem Griff des Einkaufswagens, sie packte fahrig die Sachen einhändig aus, weil sie in der anderen Hand ihre hippe Handtasche halten musste.

 

Harmonie sieht anders aus und zur allgemeinen Bestätigung maulte sie ihn genervt an: „Du kannst mir ruhig mal helfen hier!“ Ich stand hinter ihm, konnte aber regelrecht hören, wie er zickig seine Augen verdrehte. Widerwillig beugte er sich vor und fischte etwas aus dem Konsumhaufen vor sich heraus und legte es aufs Laufband. Dann ruhte er sich einen Moment aus und griff nach etwas anderem.

 

Auf einmal zuckte er zusammen, als hätte er eine gewischt gekriegt. Langsam hob er mit spitzen Fingern ein Beutelchen mit Zitronen hoch, so als hätte er ein dickes schwarzes Haar aus seinem Essen gezogen oder eine tote Ratte in der Garage gefunden. „Was soll das denn? Die sind ja Bio! Ich hab Dir doch gesagt, ich mag kein Bio!“ Einen Moment sagte keiner der beiden ein Wort und blickten sich nur an wie zwei Duellanten vor dem tödlichen Schusswechsel. Die Kassiererin hielt inne und blickte über den Brillenrand hoch, ich hielt die Luft an und ich meine deutlich gespürt zu haben, wie die trockene Supermarktluft leicht knisterte.

 

„Du wirst schon nicht dran sterben. Du hättest das ja nicht mal gemerkt, wenn Du sie nicht jetzt angefasst hättest!“ Das ließ er jedoch nicht gelten und diktierte nachdrücklich unter Betonung jedes einzelnen Wortes: „Ich. Esse. Kein. Bio. Nadine!“ Ja, sie hieß wirklich so (und der Name ist von der Redaktion nicht geändert). Er machte die Sendung mit der Maus und setzt zur Erklärung an: „Guck Dir nur mal an wie verschrumpelt die schon sind und Flecken haben die…“

 

Achtung Hochspannung. Sie stampfte mit dem Fuß auf, zischte unmissverständlich etwas Unverständliches und schnappte sich die Zitronen aus seinen Fingern. Mit ordentlich Dampf auf dem Kessel marschierte sie auf harten Hacken in die Tiefen des Marktes. Man hörte sie noch, als man sie schon längst nicht mehr sah. Wenig später kam sie mit makellosen Industrie-Zitronen, so groß wie kleine Handgranaten wieder, die Uhugelb und spiegelglatt aus dem Netz heraus glänzten, und pfefferte sie aufs Förderband. Der Rest war Schweigen, nur die Kassiererin sagte: „43 Euro 76 bitte. Sammeln Sie Punkte? Schönen Abend noch.“ Na, den werden die beiden doch sicherlich gehabt haben.

 

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 7. März 2017

 


Ach, könnte doch bloß immer Aschermittwoch sein!

 

Wir hier im Norden sind scheinbar anfällig für jeden noch so dämlichen Unterhaltungsmist. Im Zuge vom hier immer hipper werdenden „Thanksgiving“ wird der noch populärere „Black Friday“ als Weltrabatttag mit wachsender Begeisterung abgefeiert wie die allerletzte Ladies Night im Fun. Für den „Super Bowl“ bleiben sogar die Leute nachts wach, die sich sonst ein Jahr lang nicht im Geringsten für Tennis interessieren und wer glaubt, der abgekarteten Oscar-Verleihung ginge ein fairer Wettbewerb voraus, der kriegt von mir demnächst einmal ein paar gelangt.

 

Und dann immer dieser Karneval! Als wenn auch nur einer in Mainz einen Hafengeburtstag mit Schlepperballett feiern würde. In ganz Köln gibt es keine Kieler Woche und von Düsseldorf fang ich gar nicht erst an.

 

Wenn man also schon norddeutsche Feierkultur im Rheinland vergebens sucht, warum also bitte bricht der kulturelle Sperrmüll von dort eigentlich jedes Jahr über uns herein? Sind wir hier im Norden wirklich so dermaßen unterfeiert, dass wir neben importierten Oktoberfesten aus Bayern und Halloween-Krawallen nach amerikanischem Vorbild überall auch noch das verordnete Saufen in dämlicher Verkleidung ertragen müssen?

 

Gewöhnt haben wir uns ja bereits an die alteingesessenen, regionalen Karnevalshochburgen Marne und Moorrege. In Glückstadt ist im letzten Jahr die Gründung einer stadteigenen Karnevalsgesellschaft kurz vorm Gang zum Amt doch noch gescheitert; dafür knatterten kürzlich in Wewelsfleth die Trecker beim längsten und wohl auch ausgelassensten Faschingsumzug im gesamten Kreis Steinburg durchs Dorf. Fünf Mottowagen, zwei Musikkapellen und mehrere verwirrte Einzelpersonen irrten durch die sonst so friedliche Gemeinde. Beängstigend!

 

Naturgemäß halten sich Karnevalisten für die lustigsten Menschen der Welt, wenn sie jedes Jahr wieder Witze aus dem Mittelalter (und wir wissen, was für eine finstere Zeit das war) recyceln und beim Männerballett untrainierte Herren mit schlaffen Pobacken und ausladendem Frikadellenwanst ihre dürren Kackstelzen in Strumpfhosen schwingen.

 

Demnach erscheint es mir nur eine Frage der Zeit, wann in Elmshorn der erste Spaßvogel die Gründung eines Karnevalsvereins für zwingend notwendig hält. Dann wird die rosarote Krähengarde feierlich durch die leere Königstraße ziehen und überall erschallt es endlustig „Elmshorn – supernormal! Elmshorn – supernormal. Elmshorn – supernormal!“ Ach, könnte doch bloß immer Aschermittwoch sein!

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 28. Februar 2017


„Lauf man nicht so weit weg, Schätzchen!“

 

Gerade kürzlich. Ich stand auf dem Bahnsteig und wartete mit ein paar anderen Leuten auf den Zug. Ein paar Meter entfernt kramte eine junge Mutter umständlich in ihrem Rucksack und suchte anscheinend irgendwas in den Untiefen des riesigen Tragebehälters. Ihre gesamte Konzentration lag vollends auf dem Gewühle im Sack, sodass sich ihr etwa zwei, drei Jahre alter Sohn unbemerkt ein paar Schritte von ihr entfernen konnte, wohl um mal neugierig zu gucken, was auf den nahen Gleisen so los ist.

 

Eine freundliche, ältere Dame hatte das scheinbar beobachtet und fühlte sich nun verantwortlich womögliches Unglück zu vermeiden und sagte fürsorglich in diesem typischen, lieben Oma-Singsang zu dem jungen Wandersmann „Lauf man nicht so weit weg, Schätzchen!“ Mehr nicht. Gut gemacht; die Situation erkannt, sich gekümmert, nicht geschimpft und auch nicht die theatralische Besserwissertour gefahren und Klugscheißer-Erziehungsratschläge erteilt.

 

Dann. Auf einmal stand die Welt still, die Vögel hörten auf zu zwitschern und in allen Vulkanen der Welt, auch in den inaktiven, begann es mächtig zu grummeln. Die Rucksack-Mutti guckte hoch und fing sofort an stadtteillaut zu keifen: „Sie nennen meinen Sohn nicht `Schätzchen`, ja“! Die ältere Dame stutzte: „Aber ich wollte doch nur…“ Mutter Oberin fiel ihr noch lauter ins Wort und motzte die Omi standrechtlich nieder. Ihre maschinengewehrgleiche Argumentationskette reichte von „So fängt das nämlich immer an…“ und „Tüte Bonbons…“ bis hin zu „Mitschnacken“ und endete bei irgendwas mit Anzeigen und „… schon sehen, was dabei raus kommt“.

 

Immer wieder versuchte Oma Duck sich beschwichtigend zu verteidigen, doch kam sie gegen die 1000-Grad-Mutter, die sich anschickte sich im nächsten Moment vor Wut weißglühend rotierend in den Erdboden zu bohren, nicht gegen an. Mittlerweile hatten sich alle Umstehenden ebenfalls um ein paar Schritte entfernt. Sicher ist sicher.    

 

Es hörte nicht auf. Als unbeteiligter Zeuge dieser schier unfassbaren Szene war man gewillt einzugreifen und der einen Frau, die nicht wusste wie ihr geschah schützend zur Seite zu stehen und der anderen wollte man am liebsten den Rucksack achtkantig um die Ohren hauen, wenn es nur nicht verboten wäre. Selbst „Nun halt doch mal endlich die Fresse, Schätzchen!“, was mir in den Sinn kam, verkniff ich mir, denn musste ich mir doch gerade in der Woche zuvor erst anhören, dass mich Penner einige Dinge nur mal gefälligst nichts angehen.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 21. Februar 2017


So ein Penner!

Elmshorn, ein Grad plus, leichter Nieselregen zieht über die Stadt, die immer schläft. Also alles irgendwie normal. Da geht man so da längs und denkt an alles, nur an nichts Böses, und plötzlich das: „Ey, Tiedemann, Du bist so ein Penner!“ Hoppla. Da ist man dann doch schon leicht vor den Kopf gestoßen und denkt, dass man auch schon mal netter begrüßt wurde.

 

Im Grunde ignoriere ich so etwas gut und gerne, doch beim Hören meines Namens drehte ich mich natürlich sofort um. Der „Penner“ kam ja erst am Schluss. Tja, man soll die Leute doch immer erst ausreden lassen. Und gerade als ich mich über diese unpassende Diffamierung echauffieren wollte und meinen Denunzianten darüber belehren wollte, notfalls mit verbalem Nachdruck und körperlicher Gewalt, dass man sich doch lieb haben soll, und dass es vor allem nicht mehr „Penner“ heißt und man nicht einmal „Obdachloser“ sagen darf, denn als politisch, sozial korrekter und vollveganer Freilandeier-Öko-Delfinbefreier sagt man heute nur noch „Wohnungssuchender“, auch wenn er (genderkonform natürlich auch sie, die „Wohnungssuchende“) aktiv gar nicht sucht, da merkte ich, dass ich gar nicht gemeint war.

 

Die Verunglimpfung in Verbindung mit meinem Nachnamen hatte einen Jungen von etwa 12 Jahren als Adressaten, der hinter mir an der roten Fußgängerampel über die Fahrbahn gerannt ist, obwohl ein Auto nahte. Nicht verwandt oder verschwägert. Seine auf der anderen Straßenseite stehen gebliebenen, vermeintlichen Klassenkameraden straften ihn für diese dämliche Auktion zu Recht verbal ab.

 

Als Fußgänger bei Rot die Straße zu überqueren kostet 5 Euro, mit dem Rad sogar 60 und einen Punkt auf dem Flensburger Sparkonto kriegt man umsonst noch dazu. Fragen Sie mich nicht, vorher ich das weiß. Und vermindert nüchtern auf dem Rad kostet sogar noch mehr und zieht richtig Ärger nach sich, da braucht man nicht einmal eine Ampel (Farbe egal) zu überfahren.  

 

Da wirken 5 Euro geradezu niedlich und die heutige Jugend verfügt in der Regel um genug Barmittel um solche Beträge direkt aus der Hosentasche heraus zu bezahlen, dennoch fühlte ich mich veranlasst den jungen Verkehrssünder über die Höhe des Verwarngeldes in Kenntnis zu setzen und ihn wegen seines leichtsinnigen Handelns leicht zu tadeln.

 

Diesen Versuch sozialer Disziplinierung hätte ich mir sparen können. Er guckte mich abschätzig an und raunzte „Was geht Dich das an!“ und ich dachte im nächsten Moment nur eines: „Ey, Tiedemann, Du bist tatsächlich so ein Penner!“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 14. Februar 2017

 


Wer hat mir die Radkappe geklaut?

Ich hab echt einen Puls wie ein Hydrant. Ich bin nicht wütend, aber ich könnte jetzt alles kurz und klein schlagen! Es sind ja nicht die großen Dinge, die einem das Leben schwer machen, sondern die kleinen Nichtigkeiten, die einem den Alltag vermiesen.
Ich dachte letztens, ich guck nicht richtig. Da latschte ich vor ein paar Tagen zu meinem Auto und sah, da fehlt an meinem Auto vorne rechts doch die Radkappe. Weg! Futsch! Fort vom VW! So eine Radkappe fällt nicht einfach ab wie ein überreifer Apfel vom Baum. Nicht, wenn man das Gaspedal so weit durchdrückt, dass man mit dem Fuß schon fast in die Ölwanne tritt und erst recht nicht, wenn man irgendwo parkt. Eine Radkappe muss man schon mit sehr viel Kraft und etwas sanfter Gewalt von der Felge lösen. Also bleibt nur eine realistische Wahrscheinlichkeit übrig – da war einer mit krimineller Energie an meinem Auto zugange.
Als ich das sah, stand ich erst einmal minutenlang ungläubig vor der nackten Felge und konnte es nicht glauben. Wer klaut bitteschön eine einzelne Radkappe? Und dann noch so eine abgenudelte Olle mit Bordsteinkratzern und Heckenmacken? Und vor allem warum? Als Liebhaberstück funktioniert die Plastikscheibe wohl kaum und sollte es eine Mutprobe gewesen sein, dann empfinde ich nur größtes Mitleid mit diesem Möchtegern-Gollum. In welchem Universum beweist sich der Mutige an solchen Taten? Als ich einigermaßen wieder klar denken konnte, gingen die ersten nicht jugendfreien Flüche und ehrabschneidenden Verwünschungen des Diebes direkt in die kalte Elmshorner Abendluft.
Natürlich, man kann zwar weiterhin mit dem Auto fahren; bis auf das Gefühl, der Wagen zieht ein wenig nach rechts. Es kann aber auch nur Einbildung sein. Auf alle Fälle ist ein Auto aber mit nur drei Radkappen nicht nur nicht komplett, sondern sieht auch hässlich aus. Wie wenn einem ein Schneidezahn fehlt oder der Friseur aus Versehen plötzlich niesen musste und mit der Schere beim Ponyschneiden zu weit und schräge nach oben geschnitten hat.
Aber darum geht es im Grunde gar nicht. Ich bin erzürnt! Wer einem Mann die Radkappe stielt, der kann keine ehrbare Person sein und verdient eine hohe Strafe und zu tiefst alle Verachtung! Frei nach Professor Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“ sage ich nur „Wenn ich den Saujungen krieg´, der mich die Radkappe weggetan hat ...“
Also, Bürschchen, tu‘ Dir selbst was Gutes und gib mir mein Radkäppchen zurück, dann passiert Dir nichts! Versprochen.

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 7. Februar 2017


Bist Du noch super oder schon normal?

 

Nun ist es also raus. Elmshorn ist „supernormal“. Ja, wir alle haben uns nicht verhört oder verlesen, aber wir sind nachhaltig verstört. Die großartigste Stadt auf diesem Planeten ist also nichts weiter als normal. So wie Schneeregen im Winter, der mit der Zeit verkalkte Heizstab von der Waschmaschine und eine Körpertemperatur zwischen 36,3 und 37,4 Grad. Heiß ist was anderes und auf alle Fälle nicht Elmshorn.

 

Anscheinend aus einem unbegreiflichen Minderwertigkeitsgedanken heraus und dem Streben nach Beachtung im testosteronschwangeren Gepose der Städtenachbarn, der erschlankten Metropolregion Hamburg (ehemals unter dem adipösen Schlagwort „Speckgürtel“ bekannt) und der ganzen digitalen Welt entstanden, schreibt sich die Haferflockenmetropole und Teppichstadt nun das Kompositum „supernormal“ auf die telekompinke Fahne. Während die ähnlich unzufriedenen Nachbargehöfte sich mit konspirativen Verklausulierungen schmücken (Pinneberg: „Persönlich. Ehrlich. Anders“) oder sich selbst auf die Schippe nehmen (Wedel: „Die Stadt mit frischem Wind“, Glückstadt: „Ihr Erholungsort an der Elbe“), möchte Elmshorn nun allen Ernstes den Durchschnitt zum neuen Superlativ ernennen.

 

Bemerkenswert an der ganzen Geschichte ist doch, dass man für eine Tatsache, die eigentlich längst jeder wusste und nun niemanden weiter überrascht, einen Batzen Geld ausgegeben hat, um ein lasches Ergebnis mit einer durchgeknallten Farbe zu präsentieren. Vor ein paar Jahren versuchte man es hier in der gewitzten Gemeinde der Dichter und Denker noch mit dem selbstsicheren Motto „Wir sind Kult“. Darüber konnte man zumindest noch herzhaft lachen. Nun bleiben einem nur das entsetzte Kopfschütteln und die Hoffnung auf schnelles Vergessen der selbst auferlegten Normalität. Wir können uns das ja schließlich nun nicht alle schön saufen.

 

Mal ehrlich, den Normal-Slogan hätte ich auch „kreieren“ können - für einen großen, zweistelligen Betrag. Man hätte mich nur nachts kurz wecken oder morgens auf dem Bahnhof von der Seite anquatschen müssen. Aber mich fragt ja keiner. Warum braucht Elmshorn überhaupt einen Slogan? Und muss die Devise der Stadt dann wirklich irgendwo zwischen IKEA-Einrichtungskultur und Media-Markt-Geilheit liegen? Edeka war zumindest noch supergeil, doch Elmshorn ist nur supernormal. Schnarch!

 

„Elmshorn – nicht so scheiße wie Pinneberg!“, das wäre zumindest ein Slogan, an dem man sich wirklich hätte reiben können.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 31. Januar 2017

 

 


Vier Freundinnen, aber nur ein Zahnarzt

 

Mindestens einmal im Jahr geht man für gewöhnlich zum Zahnarzt, sofern man nicht zwischendurch unglücklich auf eine Nuss oder Granit gebissen hat oder sich Teile der Kauleiste aus Versehen bei einem Trunkenheitssturz am Fahrradlenker komplett zertrümmert hat. Okay, im letzten Fall kann der Doktor dann wohl auch nichts mehr machen, außer ein paar Rezepte für Suppe herauszugeben.  

 

Es gibt Schlimmeres, als zum Zahnarzt zu gehen, zum Beispiel in den Zirkus oder in den Zoo. Aber niemand geht wirklich gerne zum Zahnarzt, mutmaßlich nicht einmal der Zahnarzt selbst. Es ist schon eine intime Angelegenheit das Maul derart weit aufzureißen und einen mehr oder minder Fremden auf die kleinen und großen Nachlässigkeiten der eigenen Mundhygiene blicken zu lassen, und ihn dann sagen hören „Uuuh, da müssen wir aber mal schleunigst ran!“ Dann bittet er eine zweite Assistentin dazu und ruft nach vorne zum Empfang „Sagen Sie alle folgenden Termine für heute ab!“ Und das morgens um kurz nach zehn.   

 

Dann ist es gut, dass man einen Arzt hat, dem man vertraut; der ein Zahnmediziner ist, der sensibel, aber bestimmt, die Balance zwischen professioneller Arbeit und menschlicher Feinfühligkeit findet.

 

Die Wahl des Zahnarztes ist eine Entscheidung fürs Leben. In den letzten 25 Jahren hatte ich vier Freundinnen, aber immer nur den einen Zahnarzt. Das sagt doch alles. In meiner Kindheit war ich nacheinander bei zwei Zahnärzten, deren dentalen Praktiken irgendwo zwischen Exorzismus und Schächtung lagen. So beginnen Traumata, die einem das Leben versauen. Seitdem ist das schrille Kreischen des Bohrers für mich der Sound des Leidens.              

 

Um für dieses Jahr die routinemäßige Visite anzugehen, bin ich letzte Woche zu Gemeinschaftspraxis meines Zahnarztes gedackelt. Ich ging zur Rezeption und sagte, dass ich gerne einen Termin hätte. Die freundliche Helferin hackte meinen Namen in den Computer und wandte sich mir dann wieder zu, um mit einem blendend weißen Lächeln mit Zähnen so weiß wie Klaviertasten mitzuteilen, dass mein Zahnarzt vor drei Wochen in Rente gegangen sei.

 

Ich muss einige Momente wie apathisch da gestanden haben, ich dachte an alles und an nichts. Das war schwer zu akzeptieren. Also bleiben mir nur zwei reale Möglichkeiten – entweder dem Nachfolger des Pensionärs eine Chance zu geben oder selbst ein Studium der Zahnmedizin zu beginnen, um mein eigener Zahnarzt zu werden. Schließlich schneide ich mir seit Jahren auch selbst die Haare und es funktioniert.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 24. Januar 2017

 


Der SUV – der Moonboot unter den Autos

 

Wer braucht eigentlich einen Geländewagen? Förster Martin Rombach vom „Forsthaus Falkenau“ braucht einen, Stuntman und Kopfgeldjäger Colt Seavers braucht für alle Fälle unbedingt einen und dann natürlich noch die Leute von der Wameru-Tierstation aus der Fernsehserie „Daktari“. Für sie alle ist so ein Fahrzeug unabdingbar, um im Wald zeltende Jugendliche auf die Gefahr von Waldbränden aufmerksam zu machen, Holzdiebe in schwer zugänglichem Gelände zu stellen, Gauner und Spitzbuben mit waghalsigen Verfolgungsjagden nachzusetzen oder aber verletzte Tierbabys aus der Savanne vor Wilderern zu retten und den schielenden Löwen Clarence durch die Gegend zu fahren. Niemand sonst, also wirklich keiner, braucht einen Geländewagen.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass selbst in Elmshorn, einem relativ ebenen, größtenteils unbewaldeten Verkehrsgebiet, ohne tägliche, motorisierte Hetzjagden auf Gesetzesbrecher und Rettungstransporte durch Jagdfrevel gefährdete Großwildkatzen immer mehr moderne Geländewagen oder SUVs, wie man heute sagt, unterwegs sind. Auch ohne leistungsstarkes Off-Road-Fahrzeug kommt man hier gut von A nach