Unterwegs mit Mia 1 und 2, Anton und Pipi

Wenn man mal zu anderen Zeiten mit der Bahn fährt, dann trifft man auch mal neue Leute und sieht nicht die ewig gleichen Muffelköppe, mit denen man stets seinen pendelnden Alltag beginnt und die einen jeden Morgen erneut böswillig beim Einsteigen mit der Hüfte zur Seite wegboxen oder wenig kultiviert zum Gähnen die Klappe bis zur Kieferstarre aufreißen, ohne mit der Hand den freien Blick aufs zitternde Gaumenzäpfchen zu verwehren.

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag also nach Altona und die Bahn war voller als gedacht. Vorm Großraumabteil des Neunzigerjahre Nostalgiewagens ergatterte ich noch einen akzeptablen Stehplatz zwischen einer durchgehend sabbelnden Frau an der Funkgurke (sie beendete kurz vorm Endbahnhof das Telefonat amüsanterweise mit den Worten „Also, wie gesagt, ich wollte mich nur mal kurz gemeldet haben …“) und einer von der Sylt-Klassenfahrt nach Hamburg rückreisenden Grundschulklasse.

Schon kurz nachdem der Zug Elmshorn verlassen hatte, begann die die Klasse begleitende junge, zierliche Lehrerin hektisch die Koffer und Taschen der Kinder aus den Gepäckablagen zu heben und den einzelnen Kindern zuzuordnen. Jeder Koffer schien das Abtropfgewicht eines ausgewachsenen Zementsacks zu haben und ihre Kräfte schwanden so schnell, wie die Panik in ihrem eh schon fahrigen Blick zunahm. Höchstwahrscheinlich war ihre Annahme das Gepäck nicht rechtzeitig aus dem Zug zu bekommen, wenn der Zielbahnhof erreicht ist. Helfen durfte man ihr aber auch nicht, unter anderem aus versicherungstechnischen Gründen, wie das merklich überforderte „Fräulein Prysselius“ argumentierte. Versteh noch einer diese Welt.

Mit jedem Rollkoffer und jeder Tasche in den Händen las sie auch laut die Namen auf den Schildern am Gepäck vor und es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um eine komplette Astrid-Lindgren-Klasse handelte, die da mit mir im Zug war. Nach und nach fielen die Namen Kalle, Lennart, Lotta, Lina, Mattis, Anton, Bosse, Emil, Ida, Jonas, Niklas, Mia 1 und Mia 2, Lisa und Lukas. Auf „Pippi“ wartete ich vergebens; mein olfaktorisch angrenzender Stehplatz unmittelbar zum Abort entschädigte das jedoch auf eine seltsam ungewollte Art und Weise.

In Altona stand dann halb Bullerbü versammelt und wartete auf den Nachwuchs mit den schweren Koffern. Manche Eltern dagegen wirkten eher wie Figuren aus den Romanen von Stephen King oder Wolfgang Hohlbein. Seltsam, alles sehr seltsam.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. Juli 2017


Warten auf das Ende der Steinzeit

Drei Postleitzahlen, 50.000 Einwohner auf der Habenseite und einen Sack voll Ortsschilder, auf denen unsichtbar irgendwie „Stadt“ drauf steht. Dazu unzählige Friseur- und Einkaufsläden, Unmengen an Baustellen und morgens und abends sogar richtige Staus, mit richtigen Autos. Kultur wird nicht nur laut Duden hier groß geschrieben und die meisten von uns gehen einigermaßen aufrecht, können mehr oder minder artikuliert sprechen und haben den Hosenschlitz geschlossen.

Zwar präsentiert man sich nach außen gerne als innovativ, modern, aufgeklärt, aufgeschlossen und wohlerzogen und es wabert der Geist des 21. Jahrhunderts durch die neue Innenstadt. Manchmal. Da kann sich die Stadt noch so tolle Slogans anpinnen, die sich anhören wie eine Rubrik aus der „Bravo“ oder der Untertitel einer Nachmittagssendung auf RTL 2. Elmshorn ist und bleibt in gewissen Dingen aber auch nur eine Höhle voller Steinzeitamöben.

Auf dem morgendlichen Bahnsteig stand da letzte Woche eine junge Frau, die ganz offensichtlich ihrer Erscheinung wegen für Aufsehen und verrenkter Hälse bei so manchen Elmshornern (und Elmshornerinnen, so viel Zeit muss sein) sorgte. Die Leute starrten sie regelrecht ungeniert an. Na, klar. Sie hatte Haare aus der Shampoo-Werbung, dunkel geschminkte Augen, den Mund knallig. Die Bluse hätte eine Nummer größer sein können, dann wären die oberen Knöpfe sicherlich auch zu gegangen, der Rock war eher eine Art Po-Bandage und wäre sogar Tina Turner zu kurz und zu aufreizend gewesen. Kurzum eine offensichtlich sympathische Frau mit sehenswert gutem Charakter.

Um sie herum existierte ein Bannkreis von zwei, drei Metern und näher traute sich scheinbar keiner ran. Doch immer wieder drehten sich links und rechts die Köpfe zu ihr und sowohl nachlässig gekleidete Männer in ollen Cordhosen und praktischen Multifunktionsjacken, als auch kopfkissenfaltige Frauen mit Frisuren, die keine waren, scannten sie immer wieder teils staunend, teils abschätzig von oben nach unten ab.

Natürlich guckte auch ich, aber auch nur so lange es eben nötig war. Andere dafür gafften scheinbar hormonell angefixt und warteten, dass die Bluse sich im nächsten Moment von alleine schließt oder aber platzt - tat sie aber beides nicht. Zwei Frauen steckten flüsternd die Köpfe zusammen und stierten abwechselnd schnippisch in Richtung der Frau, die längst ihren Blick zu Boden gerichtet hatte und auf das Ende der Steinzeit oder zumindest den nächsten Zug wartete.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 18. Juli 2017


Vor der Verblödung: Die Achtziger

Es war nicht alles schlecht damals. Rückblickend sind die Achtziger Jahre wohl das letzte unschuldige Jahrzehnt vor der kompletten digitalen Verblödung. Fast zumindest. 1989 fiel nicht nur die Mauer, sondern auch der Gameboy kam in Massen aus dem Osten zu uns rüber gestürmt und war grauer Vorbote der hässlichen Neunziger mit allen seinen Lastern, wie dem Tamagotchi, der Playstation, Techno, der Diddl-Maus, Handyklingeltönen von Jamba, Windows 3.1, dem Arschgeweih, Kuschelrock und Bravo Hits.
Die Achtziger aber waren weitestgehend noch befreit von solchem Schrott. Verrückte Zeiten, vor allem, wenn man sich mal vergegenwärtigt, dass es noch keine Telefone gab, mit denen man fotografieren konnte und es gab keine Fotoapparate, mit denen man telefonieren konnte. Filme und Musik klaute man noch als Videokassette oder Schallplatte bei „Radio Dörr“ oder „Elektro Meiners“ in Glückstadt und nicht im Internet. Und niemand kam je auf die Idee seine Frau aus dem Supermarkt anzurufen, um sie zu fragen, welchen Käse er kaufen soll. Niemand!
Auch hatte niemand Angst um seine Daten. Wir trugen uns ausgiebig in die zu der Zeit die sittsamen Poesiealben ablösenden, obszönen Freundschaftsbücher ein. Freizügig schrieben wir auf viel zu wenig Platz unsere vollen Namen, das wahre Gewicht und Körpergröße, im weiteren Verlauf unsere Lieblingsspeisen, -lieder, -bands und sogar unsere Lieblingsfächer und Lieblingslehrer. Likes und Dislikes hießen damals noch „das mag ich“ und „das mag ich nicht“. Was da alles für Sachen erfunden wurden, nur um für die damals immer interessanter werdenden Mädchen irgendwie cool und lustig zugleich zu wirken! Traumberuf: Penner oder Rennfahrer. Lieblingsbuch: Ich lese nicht. Hobbys: Faulenzen und Mädchen. Und wenn man sich für einen ganz Witzigen hielt, dann schrieb man bei Lieblingstier: Halbes Hähnchen.
Wir waren unserer Zeit dennoch weit voraus und verschickten auch ohne Smartphone reihenweise SMS. Ein hinten aus dem Heft gerissenes Stück Papier mit einer Kurzmitteilung an eine zu gefallende Mitschülerin diente als analoger Datenträger. Obwohl man wusste, dass so gut wie alle Leute, die den unter Briefmarkengröße zusammengefalteten Zettel unterm Tisch weiterreichten, mitlasen, war man in den Achtzigern noch vollkommen panikbefreit deswegen. Superdoof war nur, wenn so ein Briefchen vom Lehrer abgefangen wurde und laut als Sprachnachricht in der Klasse vorgelesen wurde. Aber der Rest war echt nicht schlecht damals.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 11. Juli 2017


Da war mal Haar da

Haare! Das Thema beschäftigt nicht nur die Frauen. Also ich trag es ja schon länger kürzer und im Grunde muss es ja jeder selber wissen, aber viele andere Männer in meinem Alter halten eindeutig zu lange an ihren Haaren fest, wo schon längst keine mehr wirklich sind. Da werden dann die spärlichen, aber mehr als eindeutigen Tatsachen ignoriert und aufwendig toupiert, geföhnt, von einer Seite zur anderen Seite rüber gekämmt, gebürstet und gestriegelt. Ich tat es auch und dachte, es geht. Aber es ging nicht.

Im Grunde haben wir es mit zwei Arten von Alopezie zu tun – vorne und hinten. Wenn es vorne noch recht passabel sprießt, dann leuchtet nicht selten hinten eine Lichtung im Wald und deutlich schimmert das Brachland auf dem Hinterkopf hervor. Doch Vorsicht, der kreisrunde Anblick animiert möglicherweise das eine oder andere Krähenpaar sich ins offensichtlich gemachte Nest zu setzen und dort ein paar weitere lärmende Flugscheißer groß zu ziehen. Oder aber Variante B: Hinten üppiges Gestrüpp, dichter als der Pelz eines Polarfuchswelpen und vorne eine Stirn so groß wie ein Frühstücksbrett mit Geheimratsecken von hier bis Barmstedt.

In beiden Fällen muss man es tragen wie ein Mann; also erst jammern und dann seine Frau fragen, was man machen soll, weil man es selber nicht weiß. Oft weiß die es aber auch nicht und sagt dann Sachen wie „Hauptsache Du hast Arbeit, Schatz.“ In großer Verzweiflung greift der Mann dann meist zur Flasche, auf der dann Alpecin oder so steht. Diese Mittel helfen dann auch tatsächlich, aber nur den Leuten, die sie verkaufen. Auch alle teuren Tinkturen, stinkenden Salben und brennenden Cremes kosten nur Geld und zerstören letztendlich Hoffnungen auf so etwas wie eine Frisur, wo schon längst nicht mal mehr ein Haarschnitt ist. Reparierende Shampoos und Volumen schenkende Spülungen gehören ins Reich der Märchen, wo nur Rapunzel ihr Haar herunter lässt und Laborleiter Dr. Klenk in der Tat die Wachstumsphasen der Haare durch legales Doping verlängert.

Es hilft alles nichts und irgendwann wachsen einem nur noch dort Haare, wo man sie nicht brauchen kann. Spätestens dann muss die Eitelkeit weichen und das spärliche Resthaar auch. Zwar kann man sich seine Rückenhaare auf den Kopf verpflanzen lassen, aber man sich auch selbst eine reinhauen. Und ein Toupet geht gar nicht, das sieht man doch selbst nachts und mit geschlossenen Augen gegen den Wind. Also, liebe Männer, einfach mal mehr Mut zur Lücke!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 4. Juli 2017


Noch einen an der Waffel haben

Ich tigerte seit Minuten um die Kühltruhe mit dem Eis herum und suchte diese Eiswaffeln, die „Noch Eine“ heißen, etwa zehn Zentimeter lang und zweieinhalb breit, 20 Stück in einer Packung, von Bahlsen. Eigentlich findet man die immer beim Eis, entweder zusammen mit Eissoße auf einem Regal über der Kühltruhe oder auch mit anderem Waffelkram auf einem Warenständer daneben. Aber ich fand nichts.

 

Ein paar Meter weiter bei den Keksen stand eine Angestellte, ich fragte sie: „Haben Sie Noch Eine? Die Waffel?“ Bei der ungewöhnlichen Produktbenennung muss es einfach zu Missverständnissen kommen und die kamen direkt zurück. Sie sah mich einen Moment lange an, als ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte und sagte: „Was? Noch eine die Waffel? Was ist das denn für ein Satz? Ich antwortete: „Noch Eine. Die Waffel. Die heißt so. Die Waffel heißt „Noch Eine! Für Eis, eine Eiswaffel. Noch Eine!“ Sie: Noch eine?“ Ich so: „Ja!“ Sie wieder: „Ääh, ja, wenn, dann beim Eis“ und marschierte entschlossen zur Kühltruhe und ich latschte ihr hinterher. Wir standen da und ich sagte noch mal, wie die Waffel aussieht. Sie sagte, dass sie schon glaubt zu wissen, was ich meine. Doch auch sie fand die Waffeln nicht und sagte, dass sie mal nachfragen könnte.

 

Das fand ich dann nett und dachte, sie würde nun ins Lager gehen oder irgendwo bei einem Kollegen anrufen. Stattdessen legte sie den Kopf in den Nacken und rief durch den ganzen Laden: „Sabinäää?“ Einen Moment später klang von fern leise ein fragendes „Ja-aaa?“. „Haben wir „Noch eine? Die Waffel?“ Ich war gespannt. Auf der anderen Seite des Ladens blieb es still. Zwei Momente später kam offensichtlich Sabine um die Ecke geeilt und sah uns beide an, als ob wir nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten. Sie stand vor uns und fragte „Was haben wir? Ich versteh nur Waffel. Die Angestellte sagte wieder: „Noch Eine. Die Waffel. Für Eis. Der Kunde sagt hier, die heißen so.“ Ich nickte. Sabine: „Und die haben wir?“ „Das ist die Frage!“, sagte ich.

 

Sabine dann: „Ja, wenn, dann beim Eis!“ Sie läuft die Eistruhe auf und ab und findet sie auch nicht. „Nee, ist hier nicht. Ich kann aber mal nachfragen!“ Bevor irgendwas in der Richtung passiert und nach und nach die komplette Belegschaft des Supermarkts einzeln an die Eistruhe gerufen werden kann, sagte ich sofort: „Nein! Bitte nicht. Ist nicht so wichtig. Wäre ja nur schön gewesen!“ Und im Weggehen hörte ich, noch wie Sabine ungläubig fragt: „Noch welche? Und er sagt, die heißen so?“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 27. Juni 2017


Man darf ja gar nichts mehr sagen

Man darf ja gar nichts mehr sagen. Gegen nichts und niemanden mehr. Sofort regt sich irgendein voll veganer, ökostrombetriebener Freilandeier-Walbefreier makelfrei und durchgegendert übel auf, dass man das ja wohl nicht so sagen darf!

 

Mütter mit Kinderwagen dürfen dagegen alles. Sie dürfen zum Beispiel zu dritt nebeneinander in Reihe geschaltet den Fuß-und Radweg blockieren, und wenn man von hinten mit dem Fahrrad angestrampelt kommt und klingelt, weil man vorbei will, dann dürfen sie sich einfach empört mit ihren übergroßen Sonnenbrillen umdrehen und einen (zum sofortigen Einnässen tauglich) massiv anherrschen, dass die Kleinen nämlich gerade eingeschlafen sind und man hier jetzt nicht so laut und grundlos zu klingeln braucht. Auf die wahrheitsgemäße Antwort, dass das Klingeln in diesem Fall dazu diente, das Recht auf freie Fahrt auf dem Radweg dezent einzufordern, wird die Wuchtigste unter den drei Wagenschieberinnen auf einmal spontan physikalisch und grunzt, dass die Rotte der drei Bachen mit ihren Frischlingen sich ja nun nicht mal so eben in Luft auflösen könne. Ich kontere, dass das sich in Anbetracht der vorhandenen Masse am Aggregatzustand wohl so schnell nichts ändern ließe und versichere, dass ich mit einem einfachen Positionswechsel zur Seite schon mehr als zufrieden wäre. Sie schnaubt und bevor es zum Eklat kommen kann, vertraue ich ein weiteres Mal auf die Gesetze der Physik und bestätige, dass Geschwindigkeit Masse mal Beschleunigung ist, und setze meine Fahrt zügig fort.

 

Ein paar Tage später im Bus. Eine andere Herde junger Mütter mit Plärrenschieben so groß wie Schubkarren vom Bau krakeelen draußen an der Haltestelle lauter als die obligatorischen Krähen, dass der Fahrer doch netterweise bitte die hintere Tür öffnen soll. Die Wörter „netterweise“ und „bitte“ fallen in der knappen Aufforderung allerdings nicht, es wird lediglich ärgerlich „Tür auf hinten!“ geschrien. Sie dürfen es schließlich. Anschließend prescht die Windel- und Coffee-to-go-Armada in den mittleren Stehbereich des Busses. Fünf Aletekutschen blockieren den ganzen Bus und die Mutterschiffe drohen dem Fahrer bereits nach der ersten Kurve mit einer Sammelklage und Anzeige wegen gefährlichen Fahrens und Schluckauf beim kleinen Jason Ramon.

 

Ich verpasse meine Haltestelle und die nächsten beiden auch, weil ich nicht zur Tür komme und ja auch nichts sagen darf. Man darf ja gar nichts mehr sagen, auch wenn es eigentlich sein müsste.  

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 20. Juni 2017


Den richtigen Klingelton gibt es nicht

Ja, mit was man seine Mitmenschen nicht alles nerven kann. Nicht nur damit, taschentuchlos den eigenen Rotz im Fünf-Sekunden-Abstand durchs Nasenloch immer wieder bis zum Rand vom Hirn hochzuziehen oder grundlos mit dem Rad im örtlichen Straßenverkehr mitten auf der Straße im Kriechtempo vor den Autos her zu eiern; manchmal reicht sogar schon sehr viel weniger – pure Anwesenheit.

 

Wenn man den Leuten aber mal so richtig schön auf den Sack gehen will, dann stellt man am besten feierabends in der vollen, dichtgemieften Bahn auf seinem smarten Handtelefon für alle hörbar einen neuen Klingelton ein. Dem scheinbar äußerst dickfelligen, jungen Mann, der dies letzte Woche im Großraumwagen in Richtung Elmshorn stoisch bewerkstelligte, ist schon fast jedweder Respekt dafür zu zollen, dass er sich selbst durch durchdringende Todesblicke, hörbar empörtes Luftholen und laut gezischelte Unmutskommentare wie „Muss das etwa nun sein?“ oder „Was denn jetzt noch?“ nicht stören ließ. Ich weiß es ja nicht ganz genau, aber ich bin mir sicher, man kann das auch lautlos machen.

 

Die Wahl des richtigen Klingeltons scheint für so manchen mobilen Telekommunisten mit in die Handfläche implantierter Persönlichkeitsprothese eine wirklich lebenswichtige Aufgabe zu sein, der man sich notgedrungen alle paar Tage stellen muss. Egal wann, egal wo. Notfalls auch unter den kritisch genervten Ohren von 40, 50 wildfremden Menschen, denen der Sinn eher nach viel Ruhe und etwas Stille steht, und nicht nach der abgenudelten Nummer von Ed Sheeran, die einem schon im Radio täglich dutzendfach den Tag verleidet. Oder soll es doch lieber das kardiologisch arhythmische Drum’n’Bass-Medley sein, das zu Tönen gewordene Zahnweh, mit der akustischen Lieblichkeit einer Autobahnbaustelle?

 

Es wurde munter durchprobiert und auf Massentauglichkeit getestet. Die aktuelle Hitparade bis hin zu Platz 25 oder 30 brachte scheinbar kein zufriedenstellendes Resultat und einige Klassiker aus den letzten 200 Jahren Popmusik auch nicht. Kurz bevor der Zug in Elmshorn hielt, waren das Hauptmotiv aus „Der weiße Hai“, der imperiale Marsch aus „Krieg der Sterne“ und das Miss-Marple-Thema in der engeren Auswahl.

 

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mein Handy schon längst ausgestellt, nicht auszudenken hätte ich bei dem ganzen Gedudel einen Anruf bekommen und mein Klingelton wäre im ganzen Waggon zu hören gewesen, denn sind wir doch mal ehrlich – den richtigen Klingelton, den gibt es nicht!

 

Tiedemanns Elbansicht vom 14. Juni 2017


Es geht doch irgendwie weiter in Kollmar

Es war einmal – Kollmar. Nachtragend zu letzter Woche und der zu erwartenden buchstäblichen Demontage meiner geliebten Heimatgemeinde ist ja noch zu sagen, dass nun nicht mehr viel zu sagen bleibt. Irgendwie geht es ja trotzdem weiter. Davon konnte ich mich gerade kürzlich wieder direkt am lebenden Objekt überzeugen. Noch geht im Dorf alles seinen gewohnten Gang.

 

Die Pinneberger parken am Wochenende immer noch die Grundstücksauffahrten zu, die Motorradfahrer reißen nach wie vor verlässlich den Gashahn auf, wenn sie den Hafen wieder verlassen und wenn auf dem Deich ein Schaf mal muss, dann lässt es sich nicht lange bitten. Die Scholle nach Finkenwerder Art (mit Speckstippe und hausgemachtem Kartoffelsalat) kostet seit Jahren immer noch keine 20 Euro und anderswo ist die Softeismaschine bis auf Weiteres außer Betrieb. Irgendwo hängt immer Wäsche, und während in Elmshorn kein Hahn kräht, bellt in Kollmar immer irgendeiner. Manchmal ist es sogar ein Hund.

 

Einen siechenden Niedergang hat das Dorf eh nicht verdient, denn nach Kollmar kommen sie doch alle. Die Hässlichen und die Armen, aber auch die Schönen und die Reichen. Ans Wasser, zum Feiern, zum Rumlungern. Elmshorn ist supernormal und Kollmar eben supergeil. Hier hat Komiker Otto Waalkes (war in den Achtzigern zuletzt witzig) an der Fressbude ein Fischbrötchen gegessen. Tony Sheridan war hier, Dieter Thomas Heck auch. Und Michael Stich ist früher als Kind bestimmt mal mit dem Fahrrad im Sommer nach Kollmar geastet ist, um hier zu baden. Ach nee, der hat ja nur den ganzen Tag ständig Tennis gespielt.

 

Kollmar ist die Perle mit Strand, die Hamburg nie war. Als wenn das alleine nicht schon reichen würde; vom Faktensender RTL erfuhr man gerade erst letzte Woche im Originalton vom überregional bekannten Schauspieler Ben Becker, dass er in Kollmar tatsächlich das Fahrradfahren erlernt hat. Ich war beeindruckt. Angeblich auf dem Deich. Ich wurde skeptisch. Als er sich dann nicht zu schade war zu sagen „…und fühl mich hier auch auf 'ne Art und Weise sehr zu Hause“, da merkte ich, dass der Typ halt ein Schauspieler ist und einfach funktioniert, wenn eine Kamera läuft!

 

Gut, dass Hollywood immer mal wieder in Kollmar vorbeischaut und die gähnende Valiumidylle zum Unterhaltungskrimi macht. Michael Söth und seine „Deichbullen“ gehen in die nächste Runde, die Softeismaschine wird es auch irgendwann wieder tun, die Elbe bleibt eh, was sie immer war. Kollmars Frist ist also noch etwas verlängert.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 6. Juni 2017

 


Und in Kollmar gehen die Lichter aus

Letzte Woche Freitag hatte ich den Brief im Kasten! Nun war es also offiziell. Gehört hatte ich ja schon davon, der Dorffunk in Kollmar ist schließlich sehr verlässlich, was so was angeht, aber so recht geglaubt hatte ich dennoch nicht dran. Nun ist es aber amtlich und die Sparkassenfiliale im Ort macht dicht. Der Grund: Es geht keiner mehr hin, Geld hat sowieso keiner mehr und den Rest regelt man heutzutage eh online im Internet. Im Schrieb hieß das dann „Neuausrichtung der Geschäftsstellenstruktur“; darüber hinaus war ferner von einem veränderten Kundenverhalten die Rede. Also im Grunde sind wir am Ende natürlich alle wieder selber schuld.

Nun wird also ein weiteres Stück vom Dorf einfach mal abgeschafft. Als ich noch offiziell Kind war, musste ich das Dorf nur verlassen, wenn ich meine Oma besuchen wollte oder zum Zahnarzt musste. Der Rest fand in Kollmar statt. Wir hatten ja alles damals! Wenn ich krank war, ging ich zu Dr. Burmeister, wenn ich zum Friseur musste (Stirn halb frei, Ohren halb bedeckt), zu Herrn Paden und später zu Elmar Sievers. Der auch die Poststelle in Kollmar führte. Hier ging ich zur Schule, hier kaufte ich auch ein.

Wir hatten zwei Läden im Dorf und was man im einen nicht bekam, das fand man dann im anderen, und wenn es das dort auch nicht gab, dann ging man zu Scharp. Dort gab es Fahrradflickzeug, Glühbirnen und Leerkassetten. Noch früher hatte Kollmar sogar mal eine Tankstelle. Echt wahr! Städte wie Glückstadt oder Elmshorn brauchten wir im Grunde nur ausnahmsweise mal und Hamburg war uns sowieso vollkommen piepe. Und das Internet, das kümmerte uns damals nicht im Geringsten. Ohne Datenvolumen und WLAN war unsere Welt wirklich noch ein kleines bisschen heiler. Und geiler!

Ja, man kann da schon etwas melancholisch werden, vor allem wenn dann demnächst auch noch der Schlachterladen im Dorf zu macht. Dann haben wir gar nichts mehr. Wie lange sich die kleine Schule und die letzten Bauernhöfe halten, bleibt abzuwarten. Demnächst werden dann sicherlich noch die Postkästen abmontiert, denn es wird bald auch niemanden mehr geben, der Briefe schreibt. Am Ende wird dann noch der einzige Bürgersteig im Dorf für immer hochgeklappt. Klappe zu, Affe tot. Und der Bus mit den Leuten, die das interessiert, fährt dann auch nicht mehr nach Kollmar.

Am Ende kommen schließlich noch die Straßenlaternen weg und denn gehen in Kollmar ganz die Lichter aus. Was bleibt, ist die Elbe und zweimal Ebbe am Tag und zweimal Flut. Mehr nicht.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 30. Mai 2017


Der freie Knöchel ist das Ende der Socke

Die aktuelle Herrenmode treibt einmal mehr seltsame Stilblüten. Derzeit schreibt das strenge Modediktat es vor, dass auch die Männer ihre dicken Hamsterbeine oder dürren Pommesknüppel in röhrenartige Hosen stecken und diese dann bis über den eigenen Knöchel hochkrempeln. Dazu hat man dann bestmöglich amerikanische Turnschuhe zu tragen und die Mauken selbst stecken in diesen knappen Unsocken, die lediglich vertikal von den Zehen bis zur Ferse reichen, aber das Bein nicht einmal ansatzweise von unten aufstrebend bedecken. Wo ist da bloß die urdeutsche Tradition geblieben sich als teutonischer Mann seine (weißen Tennis-) Socken mit Urgewalt stramm in Richtung Knie zu reißen und diesen perfekten Sitz halbstündlich zu kontrollieren?

Eigentlich war dieser zweifelhafte Look den Frauen vorbehalten, die durch das Aufkrempeln der Hose und das Abkrempeln oder vollständige Weglassen der Socken die schmalste Stelle ihres Körpers latent erotisierend betonen wollten, und in einigen Kulturen gilt die Fessel ja bekanntlich als erogene Zone. Also nicht in allen und auch nicht alle Fesseln!

Zurück aber zur Hose, die zum nackten Knöchel am besten auch noch zerschlissen und vor allem in Kniehöhe weit aufklaffend hipp sein muss. Ganz nebenbei bemerkt: Ich hatte auch mal so eine Hose, die meine Mutter aber sofort, nachdem ich aus voller Fahrt vom Fahrrad auf die Straße geditscht bin, unmittelbar in die Mülltonne schmiss. Die Hose war damals hin, heute wäre sie wohl genau richtig. Damals sagte man noch „Loch im Knie“, heute hätte ich eine Asphaltintoleranz.

Was aber bewegt 15- bis 39-jährige Männer und noch bedeutend ältere Knacker ihre unansehnlich baren Knöchel in aller Öffentlichkeit unbedeckt zu zeigen? Mag es bei den Frauen ja noch meistens recht ansehnlich sein, gehört die männliche Körperregion zwischen Fuß und Wade ganz bestimmt nicht zu den attraktivsten. Vor allem nicht, wenn sich drahtige Beinbehaarung widerlich wie Spinnenbeine ins Blickfeld wuselt.

Dass aktuelle Mode nicht immer etwas mit Attraktivität und sich gut kleiden zu tun hat, wissen wir spätestens seit dem Arschgeweih oder der Jogginghose in Schule, Konfirmandenunterricht und Büro. Ich persönlich hab ja nichts weiter gegen den derzeitigen Knöchelfetisch, ich finde ihn lediglich ziemlich hässlich und verstehe ihn nicht. Und es treibt mich weiter die Frage um, was wohl als nächstes dann Trend ist. Nee, eigentlich will ich es lieber gar nicht wissen.

 

Tiedemanns Elbansicht vom 23. Mai 2017


Wenn schon überfahren werden, dann mit Stil

Zur Abwechslung mal etwas in eigener Sache. Dass Sie jetzt diese Zeilen hier tatsächlich lesen können, grenzt wahrscheinlich schon an ein Wunder. Oder Zufall. Aber wo ist da schon der Unterschied? In der letzten Woche bin ich nämlich fast überfahren worden. Zwar ohne tiefere Absicht, aber das hätte die Sache nun auch nicht besser gemacht.

Ich fuhr mit dem Auto auf einen recht bekannten Parkplatz hier im Dorf, bei dem die einzelnen Stellflächen in einem etwa 70-Grad-Winkel zur Fahrtrichtung markiert sind. Diese Anordnung erleichtert das Vorwärtseinparken ungemein, einzig die wahrscheinlich aus den frühen Achtzigern stammende Abmessung in der Breite, als der Golf I das Maß aller Dinge war, und von modernen SUVs, wie dem Nissan Qashqai oder einem Leopard II und anderen containergroßen Geschossen mit arroganter Überbreite noch nicht einmal schlecht geträumt wurde, ist für den ungeübten Einparker (und die Einparkerin natürlich auch) schon etwas herausfordernd.

Ich parkte meinen VW (innerhalb der Markierung, natürlich), zog die Handbremse, lies das Lenkradschloss einrasten und stieg aus. Sofort mutierte ich vom offensiv mächtigen Automonster zum scheuen, verletzlichen Fußgänger, dem schutzlosen Freiwild unter den Verkehrsteilnehmern.

Neben mir fuhr im nächsten Augenblick eine junge Frau in ihrem Kia Picanto (das ist fast so etwas wie ein richtiges Auto) in die freie Parklücke. Obwohl Ihre Kiste locker zwischen die zwei weißen Striche auf dem Boden passte, traf sie den Stellplatz nicht einmal ansatzweise mittig und musste korrigieren. Hörbar wühlte sie im Getriebe (es geht also auch ohne Kupplung) und haute just in dem Moment den Rückwärtsgang krachend rein und fuhr gleichzeitig rasant rückwärts, als ich direkt hinter dem fahrenden Abiaufkleber entlang ging. Zuerst dachte ich, meine Hüfte bricht schon mal vorher, bevor ich überhaupt getroffen wurde, aber panthergleich sprang ich mit ungeahnter Federkraft, aber wenig Eleganz etwa einen halben Meter hoch und gleich mehrere zur Seite.

Wie knapp! Sie winkte mit verkniffenem Lächeln aus dem Seitenfenster, was ich wohl als Entschuldigung werten sollte. Noch mit zitternden Knien und einem Puls wie ein Hydrant stand ich mitten auf der Fahrbahn und freute mich, dass ich vor Schreck nicht eingenässt hatte und mein Leben nicht an Ort und Stelle durch ein koreanisches Fast-Vehikel beendet wurde. Wenn schon auf diese Weise, dann bitte etwas mit mehr Stil und ordentlich PS!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 16. Mai 2017


Kein Pfand für "Hohes C"

Was sind das nur für Leute, die anscheinend nur einmal im Vierteljahr ihre Pfandflaschen abgeben? Und das dann scheinbar für eine zwölfköpfige, permanent dürstende Familie oder für die ganze Straße gleich mit. Mit dem Einkaufswagen voller leerer Flaschen und Dosen und zwei dicken gelben Säcken im Anschlag stand da gerade neulich eine Frau vor dem letzten funktionierenden Pfandautomaten im Foyer vom Supermarkt und zelebrierte die automatisierte Leergutrücknahme ausgiebigst.

Ich stand mit meinen drei Pfandflaschen unterm Arm dahinter und hatte nur Angst, dass der Laden schließt, bevor das Mutterschiff ihr gesamtes Leergut im Wert von geschätzten 250 Euro abgegeben hat. Jede einzelne Flasche wurde hektisch und mit spitzen Fingern in den schmalen Schacht geschmissen, als hätte sie Angst, dass ihr brutal die Hand abgehackt werden könnte, wenn sie da zu weit reinlangt. Von außen konnte man beobachten, wie sich im Automaten jede Flasche ein paar Mal um die Längsachse drehte und dann durch einen blauen Lichtblitz abgescannt wurde, bevor sie dann nach irgendwohin in den Raum dahinter verschwand. Dieser Prozess passiert immer verlässlich von ganz alleine, ohne dass man ihn optisch verfolgen muss. Sie tat es dennoch! Ich hatte keine Lust noch einmal zurück zum Auto zu latschen, um die Flaschen zurück zu bringen, also tat ich mir die ganze Nummer an und warte mehr oder weniger geduldig. Also, eher weniger.

Dann piepte der Automat auf einmal und auf dem Gerätedisplay war die Information „Behälter voll“ zu lesen. Sie rallte es nicht und fragte in den Raum hinein: „Was ist denn jetzt?“ Ich sagte ihr, dass der Behälter offensichtlich voll ist, was ja nach 5000 Flaschen kein Wunder ist. Sie ignorierte das und holte einen Angestellten. Nach ein paar Minuten lief der Kasten dann wieder.

Ihr Einkaufswagen war mittlerweile geleert, jetzt waren die Säcke dran. Der zweifelhafte Geruch von gegorenen Getränkeresten und vertaner Zeit waberte betäubend durch die Gegend. Ich musste fast brechen und der Automat piepte schon wieder. Diese eine braune Flasche kam immer wieder raus, auch wenn sie sie mehrmals und in verschiedene Richtungen in den Schacht donnerte. Nach der fünften Wiederholung fühlte ich mich genötigt meine bescheidene Meinung zu äußern und sagte ihr, dass man für leere „Hohes C“ Flaschen keinen Pfand bekommt, auch wenn man es mit Starrsinnigkeit versucht und Ende muss wohl der Klügere nachgeben. Und sie so: „Nee, nee. Der nimmt die gleich!“ Das war dann übrigens der Moment, als ich meine Flaschen wieder zum Auto brachte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 9. Mai 2017


Agrarökonomendisco in Dückermühle

Letztens bin ich mit dem Auto durch den Sommerländer Ortsteil Dückermühle gefahren. Was für ein Flashback! Das war wie „Zurück in die Zukunft“ und „Planet der Affen“ auf einmal! Denn schon der Name Dückermühle alleine reicht, um nicht wenige vor 1975 Geborene schlagartig spontanalkoholisiert zusammenzucken zu lassen und unweigerlich nachhaltig mit milchigen Halb-Erinnerungen an schweißtreibende Landvolkdiscos und krachende Saalschlägereien, die ebendort regelmäßig in der gleichnamigen Gastwirtschaft stattfanden, zu versorgen. Dazu der zweifelhafte Geschmack von Sprite-Korn. Dressing für den Kopfsalat.
Die Party fand aber nicht nur drinnen im Saal statt, wo Discjockey-Koryphäen wie Stefan Wahnsinn oder Harry Sack die schon damals in die Jahre gekommenen Durchdreh-Klassiker „Knock on wood“, „Live is life“ oder etwa „Ich will Spaß“ endlos von Schallplatte abnudelten, sondern auch vor der Gastwirtschaft, auf der Straße und auf den zu weitläufigen Parkplätzen umfunktionierten Weiden. Dort standen zahlreiche Opel Kadetts und Ford Escorts mit IZ-, PI- und auch HEI-Kennzeichen, auf deren von innen beschlagenen Heckscheiben protzige Aufkleber mit den Schriftzügen von Kenwood oder Pinoneer (ich weiß bis heute nicht, was das zu bedeuten hat) prangten, und in denen die Feier paarweise weiterging, wenn Sie wissen, was ich meine.
Obwohl hier die Rede von der Mitte der Neunziger Jahre ist, eine Zeit, in der die Menschen noch dachten Dr. Alban und Haddaway wären die Retter der Popmusik und McDonalds ein Restaurant, war die Zeit in Dückermühle gute 15 Jahre vorher stehen geblieben, vor allem auch in Bezug auf die Mode und Frisuren besonders der Gäste, die von der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals (nur um das Wort Dithmarschen zu vermeiden) und den Dorfgemeinschaften rund um Pinneberg hier zum billigen Feiern angerauscht kamen. Weiße Tennissocken zu schwarzen Slippern und der akkurate Mittelscheitel exakt über dem flaumigen Oberlippentoupet waren noch nie schön, in Dückermühle gehörten sie jedoch zur Standardausrüstung.
Hier bekam ich das erste Mal ernsthaft Haue angedroht („Sach mal, hast Du an der Steckdose geleckt?“), weil ich ohne Absicht und aus Versehen das Mischgetränk eines donnervollen Australopithecus aus dem Nachbarkreis verschüttet hatte. Er bedrängte mich unter Zuhilfenahme eines Schraubzwingengriffs an meinen Oberarm es für ihn und seine Freunde gleich mit gleichwertig zu ersetzen. Der Abend war für mich dann zumindest zu Ende.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. April 2017


Ich bin nicht Jan

Letzte Woche traf ich zufällig auf dem Gleis Richtung Feierabend einen Schulkameraden von mir, den ich bestimmt zehn Jahre oder länger nicht gesehen hatte. Er stand da ein paar Meter entfernt und das reichte schon, dass er mir so bekannt vorkam. Dieser bedröppelte Gesichtsausdruck mit dem Schielen über den Brillenrand hinweg, diese leicht zusammengesackte Körperhaltung, dieses unterschwellig deplatzierte Verhalten beim Rumstehen. Ich guckte hin und wieder weg und wieder hin und dachte mir. „Das ist er doch!“ Und dann war er es auch.

Die letzten Jahre waren nicht unbedingt gut zu ihm gewesen, es sei denn kreisrunder Haarausfall, ein unübersehbares Frikadellengrab und schlurfender Gang auf Knick-Senk-Spreiz- und Plattfüßen waren sein erklärtes Lebensziel. In der Schule war er uns anderen stets, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Mathe, immer schon ein paar Jahre voraus. Nun hat sein Körper endlich seinen Geist eingeholt.

Er schielte rüber. Ich ging auf ihn zu und sagte eine der drei großen unverfänglichen Dämlichkeiten, die man in so einem Moment sagt, wenn man nichts weiter als unbedeutenden Smalltalk betreiben will und nicht durch vermeintlich plumpe Vertrautheit unbedacht etwas Falsches sagen will – „Na, wartest Du auch auf den Zug?“ Das muss man sich erst einmal trauen!
Ich hätte ja auch lügen können und so einen Schwindelmist wie „Mensch, Du hast Dich kaum verändert!“ oder „Alter, gut siehst Du aus. Gehst Du in die Kompressorbude zum Eisenbiegen, oder was?“ sagen können und ihm dabei zärtlich in die schlaffe Büffelhüfte boxen können. Oder verhängnisvoll fragen können, ohne es wirklich wissen zu wollen: „Na, wie geht’s?“ Er taperte auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: „Hallo Jan. Na, wie geht’s?“

Wie viele Gedanken einem da in weniger als einer Sekunde durch den Kopf schießen können, wenn es nicht gerade um Mathe und Naturwissenschaften geht, ist bemerkenswert. Wir hatten damals tatsächlich einen Jan in der Klasse, aber ähnlich sah ich ihm nicht. Dennoch schien er mich mit ihm zu verwechseln. Am Ende blieb die Frage, ob ich ihm die Peinlichkeit ersparen sollte, dass ich nicht Jan bin, oder sollte ich die Gelegenheit nutzen und einmal etwas besser wissen als er?

Ich brachte es nicht übers Herz. Ich fragte ihn, ob er nun öfter diese Strecke fährt und wir uns jetzt wieder öfter treffen würden. Er schüttelte den Kopf und ich sagte: „Das ist gut, das ist sehr gut!“ Er verstand es nicht, musste er auch nicht.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 25. April 2017


Nächster Halt: Mitten im Weg!

Diese dauernde Baustellenpolemik in Elmshorn scheint langsam chronisch zu werden und taugt für eine weitere ganze Stadtmarke. Also falls man mal wieder zufällig einen hippen Slogan fürs Dorf sucht, sollte man da mal ansetzten. Elmshorn – wir hatten mal Verkehr! Das letzte großspurige Verzögerungsarrangement bestand (bzw. besteht teilweise immer noch) aus der bremsenden Fahrbahnverengung in der Westerstraße, der Totalsperrung des Wedenkamps in Höhe vom ehemaligen Pornoladen, der Schließung der Hafenspange und dem Komplettabriss der Krückaubrücke in der Wittenberger Straße.

Wer sich da zur Feierabendzeit auf den letzten freien Wegen durch die Stadt machen wollte, um vielleicht zum Einkaufsladen zu fahren, weil die Vorräte mittlerweile knapp geworden waren, der tat gut daran vorher seine Lieben daheim noch einmal innig zu drücken – „Vergesst mich nicht, ich komme wieder. Irgendwann.“

Als ich letzte Woche nach der Arbeit vom Parkdeck am Steindammpark stadtauswärts in Richtung Kollmar wollte, eine Strecke, für die man normal (aber was heißt das hier schon) bis zum Ortsschild keine sieben Minuten braucht und nachts noch viel weniger, da stellte ich mich schon auf eine Übernachtung im Auto ein. Auf der Linksabbiegerspur in der Holstenstraße in Richtung Schulstraße ging es nämlich nur mit Rostgeschwindigkeit weiter und ich machte mir schon Sorgen, dass bei meinem Auto in der Zwischenzeit der TÜV ablaufen könnte.

Ich erreichte irgendwann, nachdem ich die Nachrichten im Radio schon zweimal gehört hatte, die Kreuzung mit Müh und Not und sah für mich ganz gute Chancen in den nächsten 20 Minuten mit allen vier Reifen auf der Schulstraße zu stehen, da rollte ein Stadtbus vom ZOB kommend auf die Kreuzung und blieb dort stehen. Nächster Halt: Mitten im Weg!

In den Autos vor und hinter mir schlugen sich die Leute fassungslos mit der flachen Hand an die Stirn Kopf, als hätte einer, der es eigentlich können müsste, beim Stande von null zu null in der Nachspielzeit einen Elfmeter ohne Torwart versemmelt. Es wurde grün und wieder rot und wieder grün und noch mal rot, ohne dass sie irgendwas regen konnte, nur ein paar ärgerliche Hupen wurden restlos leergehupt. Noch mal grün und rot und innerhalb der nächsten Viertelstunde zeitlupte der Bus mühsam von der Kreuzung.

Mittlerweile musste ich mal dringend für kleine PKW-Fahrer und dachte unter Tränen an früher, als man hier noch für überhöhte Geschwindigkeit geblitzt werden konnte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 18. April 2017


Bei Stromausfall funktionieren nur noch die Krähen

Kaum fällt mal der Strom aus, ist das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt und unser sonst so bequemer Alltag funktioniert auf einmal nicht mehr. Wie weinerlich und weich ist unsere heutige Gesellschaft eigentlich bloß geworden? Vor guten 150 Jahren hätte so ein Stromausfall selbst über Tage niemanden weiter gekümmert.

Am Mittwochmittag aber wurde hier der halben Stadt der Stecker gezogen und wer zu der Zeit gerade Fernsehen anhatte, der guckte in die Röhre. Elmshorns Süden sowie in der sympathischen Umlandgemeinde Kölln-Reisiek war der Strom ausgefallen und etwa 20.000 Leute waren von dem Ausfall betroffen. Der Grund für den Ausfall war, so erfuhr man, ein technisches Problem. Donnerwetter, damit hatte ich nicht gerechnet! Göttlicher Wille oder sogar flächenweit unbezahlte Rechnungen ja, aber niemals ein technisches Problem. Nicht bei Strom!

Zuerst war ich persönlich gar nicht weiter betroffen, dann um die Uhrzeit herum legte ich gerade auf der Arbeit irgendwo in Hamburg die Füße hoch und nahm einen doppelten Espresso dazu. Über das Funktelefon erreichte mich die dramatische Nachricht, dass Elmshorn gerade saftlos daniederliegt und der einzige Strom, der fließt, nur die Krückau war. Mein erster Gedanke war aus einer fernen Arroganz heraus: „Was geht mich das an?"

Ganz nebenbei bemerkt ist genau das der Grundgedanke, der jeden Hamburger und seine Frau beseelt, wenn es um Dinge geht, die ihn nicht tangieren und im Kreis Pinneberg liegen. Doch als ich im grellen Lichte der mittäglichen Neonröhre trotz Mike-Tyson-Kaffee schon fast wegzudämmern drohte, da durchfuhr es mich auf einmal wie ein Blitz und ich war in weiteren Gedanken sofort bei meiner unelektrifizierten Heimat- und Geburtsgemeinde.

Denn siedend heiß fiel mir ein, dass ja auch mein Kühlschrank ohne Strom nicht laufen würde und das dort im Gefrierfach einzig gelagerte Würfeleis tauen würde und ich es anschließend nur noch wegschmeißen können würde. Hinzu kam, dass ich morgens noch extra die Waschmaschine programmiert hatte, um abends aprilfrische Wäsche aufhängen zu können. Das alles war nun für die Katz; die Wäsche und auch das Eis.

Der dritte, trostlose Gedanke war, dass es nicht nur mir so gehen würde, sondern auch etwa 50.000 anderen Elmshornern. Denn dass nicht die ganze Metropole betroffen war, wusste ich zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht. Ich stellte mir die Stadt ohne Strom vor und wusste, dass das Einzige was jetzt noch funktioniert die Krähen sind!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 11. April 2017


Als Sportler verkleidet einkaufen

Manchmal kann es so einfach sein. Nicht nur Hosenträger heißen nach ihrer Funktion, auch Turnschuhe, Jogginghose, Sweatshirt und Trainingsjacke weisen allein schon mal von ihren Namen her auf Kleidungsstücke hin, die voranging fürs Sporttreiben konzipiert worden sind. Ich weiß, es gibt nicht wenige Leute, hinweg durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten, Migrationsvordergründe und Geschlechter, die so ein Bewegungsoutfit durchaus zur Brot erwerbenden Arbeit tragen und dabei keine Sportlehrer oder Bundesligaprofis (in was auch immer) sind.

Ich weiß auch, dass einige Ihr Wochenende in nichts anderem verbringen als in solchen Klamotten, die eher an einen Pyjama erinnern (und auch seine vorrangige Funktion übernehmen), als an reguläre Kleidung, mit der man als Erwachsener ernst genommen wird. Und wie selbstverständlich wird auch zum Einkaufen in arschloser Sofahose gedackelt, die dann in weit hochgerissenen, weißen Tennissocken steckt. Dazu eine Baseballkappe auf dem öligen Kanisterkopp, der sonst mit dem nordamerikanischen Schlagballspiel nicht das Geringste am Hut hat. Ich weiß nie, ob mir in solchen Momenten Leute begegnen, die aus dem Krankenhaus abgehauen sind, wo diese Montur ebenfalls nicht unüblich ist, zumindest bei den Patienten. Den Doktor erkennt man immer noch am weißen Kittel.

Der Grund tut nichts zur Sache, aber nun passierte es unlängst, dass ich für mich ungewöhnlich in schlapper Büx und Sportpullover gewandet unterwegs war und noch einmal dringend zum Laden musste. Zum Nachhausefahren und Umziehen war keine Zeit, also musste es halt so und vor allem schnell gehen. Es war mir dennoch mehr als unangenehm.

Ich stürmte also rein ins Geschäft, als würde ich den Laden überfallen wollen oder eine volle Blase haben, was ich auch tatsächlich hatte. Zwei Angestellte guckten mich erschrocken an. Ich nickte ihnen knapp zu und stierte dann starr zu Boden und fühlte mich wie der einzige Verkleidete auf einer Bad Taste Party und ich hoffte nur keinen Bekannten zu treffen.

An der Kasse waren fünf Leute vor mir und an der Pole Position zählte eine Oma die Centstücke einzeln aus dem Portemonnaie. Hinten rückte schon der Nächste ran und nach ein paar Momenten schon sich langsam von der Seite ein Gesicht in mein Blickfeld. Ich ignorierte es zunächst, aber hörte im nächsten Moment ein ungläubiges, aber merklich hämisches „Tatsächlich! Mensch, Arne, ich hätte Dich ja fast nicht erkannt. Was machst Du denn in so einem Aufzug hier?“

Und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich mich nicht rausreden konnte, bei der Wahrheit und nichts als der Wahrheit bleiben musste und sagte nach einer Sekunde der absoluten Stille nur ein Wort – Einkaufen!“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 4. April 2017


Ich bin nicht normal und auch nicht super!

Bislang dachte ich von mir ja, ich wäre ein verständiger, wohlüberlegter, toleranter Typ mit vorurteilsfreier Grundmeinung und uneingeschränkter Akzeptanz anderer Meinungen, wenn man mal von Fußball, Frauen und Speisen, die Rosinen oder Kokos enthalten, absieht. Bin ich aber scheinbar nicht, denn diese dämliche Stadtmarke mit dem normalen Super in Rosa und dem Logo, welches früher mal ein Schiff war und heute nur noch wie ein Stück gekachelte Badezimmerwand aussieht, geht mir gewaltig auf die (und alle schwächlichen Gemütsbambis, die bei „Der kleine Lord“ immer noch das Flennen kriegen, lesen nach der nächsten Klammer nun mal nicht weiter) Eier!

Da meine Eltern mich aber zu einem geduldigen Menschen erzogen haben, bin ich durchaus bemüht es immer noch verstehen zu wollen, warum die einstige Stadt der Auslegeware und Frühstücksflocken jetzt auf einmal mit dem Bleifuß auf die Euphoriebremse tritt und sich selbst als pinken Durchschnitt versteht. Genau aus diesem Grund hab auch ich die testosteronstarke Schwafelrunde letzte Woche besucht, die am Tapeziertisch hockend das Für und Wider des „Claims“, wie der Reklame-Hipster mit dem Zuchtbart und der teuren Brille nicht müde wurde zu betonen, zum Teil hitzig, zum Teil abstrus bekakelte.

Nach zwei Stunden heißer Luft und jeder Menge Polemik war ich nun auch nicht schlauer und wusste nur eines: Ich bin nicht normal und auch nicht super! Und wie man die Begrifflichkeiten auch dreht und wendet und immer wieder wiederholt – doof bleibt doof. Der schicke Werber würde nun wieder behaupten, dass er genau das erreichen wollte. Ich lass ihm den Gedanken gerne.

Aber es nützt ja nun alles nichts! Ich hab mich nämlich nun dazu entschieden meine eigene Stadtmarke auf den Weg zu bringen und mich über die Gesetzte der verordneten Normalität hinwegzusetzen. Ich erhebe die hier von allen so verhasste Krähe zum neuen Wappentier der Stadt und „claime“ mit „Elmshorn – hier kräht kein Hahn!“ und alternativ dem bereits unlängst von mir zum Vorschlag gebrachten „Elmshorn – nicht so scheiße wie Pinneberg!“

Ab demnächst biete ich dann auch in meinem Onlineshop Miederwaren in allen Größen und Postkarten an, die den Slogan grußspurig propagieren, und verspreche den damit erzielten Erlös für weitgehend zu verprassen. Einer muss es ja tun und dem kleinkarierten Wahnsinn etwas entgegen halten. Und wenn sich jetzt einer oder keiner drüber aufregt, dann ist es genau das, was ich erreichen wollte.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansicht vom 28. März 2017


Romantik pur – das Partnerkennzeichen

 

Ganz, ganz früher, in einer Zeit, die man Achtzigerjahre nennt, hingen überall in grün gekachelten Badezimmern Handtücher rum, die unten in der Ecke in geschwungener Streberschreibschrift entweder „Er“ oder „Sie“ eingestickt hatten. Wenn man es also wirklich ernst miteinander meinte und das Leben restlos miteinander teilen wollte, dann trennte man ab dem Zeitpunkt an strikt die Handtücher.

 

Heute, in einer total gegenderten Welt mit über 60 anerkannten Geschlechtsidentitäten (Achtung: Nicht in allen Ländern und Köpfen), reicht das natürlich nicht mehr aus und ist obendrein zu tiefst diskriminierend, wenn sich alle anderen Orientierungen zwar die Daddeln waschen, sie aber nicht abtrocknen können. Um als besuchende Person da also nicht weiter in eine gewissensbissige Bredouille zu kommen, gab es dann manchmal noch die Sammelvariante „Gäste“.

 

Ich selbst habe zu Hause für alle Geschlechter lediglich nur ein gemeinschaftliches Handtuch anzubieten, auf dem schnörkelig „Nimm mich!“ eingestickt ist. Das ist heute selbstverständlich ebenfalls grenzwertig; diesen Spruch findet man heute höchstens nur noch auf knapp sitzenden T-Shirts von promiskuitiven Discobesuchern und Rinnen (und 58 weiteren Begattungswilligen) mit eindeutiger Abschleppabsicht.

 

Auf deutschen Campingplätzen reicht ein identischer Freizeitanzug aus pastellfarbener Ballonseide als hauptsächliches Symptom der Zusammengehörigkeit vollkommen aus und bis vor Kurzem war das gemeinsame Partnertattoo auf dem Oberarm oder der Gesäßwange der letzte Schrei (vor allem beim Erstellen), wenn man meinte, ein Ehering allein wäre zu gewöhnlich.

 

Wer heute aber offen aller Welt sein Bündnis zu einem Lebensgefährten zeigen will, der führt Partnerkennzeichen an den Autos, die sich lediglich in einem Buchstaben oder einer Ziffer unterscheiden. Persönliche KFZ-Kennzeichen mit Initialen und Geburtsjahr sind voll out. Die dekadente Fortführung ist die Durchnummerierung des familiären Fuhrparks. Flaniert man durch die Wohngebiete mit Einzelhausbebauung und Doppelgarage, dann sieht man auf den Grundstücken anstatt schnörkelig eingestickter „Ers“ und „Sies“ PI-Kennzeichen, die zum Verwechseln ähnlich sind. Da steht PI ML 35 neben PI ML 36 und gleich beim Haus nebenan parkt ein A6 mit PI EP 111 vom Carport, in dem ein Mini mit vertauschter Buchstabenfolge und identischer Nummer auf dem Kennzeichen steht. Romantik pur! Also mehr kann Liebe nun wirklich nicht.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 21. März 2017

 

 


Ganz großes Kino

 

Früher war nicht alles schlecht. Früher war hier das Kino nämlich mitten in der Innenstadt. Es gab nur drei Säle, aber es wurden Filme gezeigt, die man sehen wollte und vor allem gesehen haben musste („Zwei Nasen tanken Super“, um nur einen zu nennen) und nach dem Film ging man zum Kochlöffel rüber, um noch einen veganlosen Happen zu essen. Und das nächste kleine Kino war nur ein paar Meter weiter.

 

Heute ist das ganz große Kino weit draußen im Gewerbegebiet, noch an Kegelbahn und Baumarkt vorbei, dann aber gleich hinter der amerikanischen Botschaft links. Man ist schneller mit dem Auto aus Pinneberg oder Tornesch dort, als aus Elmshorn mit dem Tretesel. Das letzte Stück des Weges gibt es nicht einmal einen Radweg, sodass man lebensmüder als Bruce Willis in „Stirb langsam“ es je war, auf der Straße fahren muss und mindestens dreimal fast von Kirmes-BMWs mit Unterbodenbeleuchtung und schwarzen Scheiben über den Haufen gekachelt wird.

 

Ist man dann tatsächlich am Kino angekommen, weiß man im Grunde gar nicht, was man da eigentlich will, denn außer Hollywood-Blockbustern und deutschen Komödien von, mit und über Til Schweiger läuft dort fast nichts. Seit Wochen blockieren die filmgewordene Unlustigkeit für zwei Stunden „Willkommen bei den Hartmanns“ und der biedere Quälereistreifen „Fifty Schades of Grey“ wertvollen Leinwandplatz. Sind die Elmshorner und die Auto-Pinneberger wirklich so humorreduziert bzw. so dermaßen rallig, dass solche Filme endlos das Programm füllen? Und für alle, die früh mit ihren Hausaufgaben fertig sind, läuft bis zu viermal täglich „Bibi & Tina“, eine quietschige Jugendverblödung ohne richtige Handlung, dafür aber mit anspruchslosem Gesinge.

 

Es müssen ja nun keine finnischen Schwarz-Weiß-Dokumentationen ohne Dialoge und mit französischen Untertiteln sein oder Spielfilme laufen, die selbst für 3Sat und Arte zu anspruchsvoll sind, aber ein bisschen mehr Gehalt oder zumindest Bandbreite darf es schon gerne sein. Aber alles, ohne Schießerei, Tote, Gewalt und Sex kommt beim hiesigen Publikum anscheinend nicht gut an und wird folglich nach bereits einer Woche im kleinsten Saal, wenn überhaupt, wieder aus dem Programm geschmissen.

 

Aber sonst Hauptsache alles in 3D und irre lautem Sound, der einem sofort das Mittelohr entzündet. Und mit einem Zalandokarton voller Nachos auf dem Schoß wartet Elmshorn nun sehnsüchtig auf „Achtohrhintern“ oder die nächste Superheldengrütze mit romantischen Vampiren. Klappe, Film ab!

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 14. März 2017

 


Ein schöner Abend mit Zitronen

 

Am Ende eines recht bekannten Supermarkts dieser Stadt karrte ein katalogtaugliches Pärchen, etwa halb so alt wie ich, merklich unentspannt seine Einkäufe an die Kasse. Er lehnte genervt mit verschränkten Armen über dem Griff des Einkaufswagens, sie packte fahrig die Sachen einhändig aus, weil sie in der anderen Hand ihre hippe Handtasche halten musste.

 

Harmonie sieht anders aus und zur allgemeinen Bestätigung maulte sie ihn genervt an: „Du kannst mir ruhig mal helfen hier!“ Ich stand hinter ihm, konnte aber regelrecht hören, wie er zickig seine Augen verdrehte. Widerwillig beugte er sich vor und fischte etwas aus dem Konsumhaufen vor sich heraus und legte es aufs Laufband. Dann ruhte er sich einen Moment aus und griff nach etwas anderem.

 

Auf einmal zuckte er zusammen, als hätte er eine gewischt gekriegt. Langsam hob er mit spitzen Fingern ein Beutelchen mit Zitronen hoch, so als hätte er ein dickes schwarzes Haar aus seinem Essen gezogen oder eine tote Ratte in der Garage gefunden. „Was soll das denn? Die sind ja Bio! Ich hab Dir doch gesagt, ich mag kein Bio!“ Einen Moment sagte keiner der beiden ein Wort und blickten sich nur an wie zwei Duellanten vor dem tödlichen Schusswechsel. Die Kassiererin hielt inne und blickte über den Brillenrand hoch, ich hielt die Luft an und ich meine deutlich gespürt zu haben, wie die trockene Supermarktluft leicht knisterte.

 

„Du wirst schon nicht dran sterben. Du hättest das ja nicht mal gemerkt, wenn Du sie nicht jetzt angefasst hättest!“ Das ließ er jedoch nicht gelten und diktierte nachdrücklich unter Betonung jedes einzelnen Wortes: „Ich. Esse. Kein. Bio. Nadine!“ Ja, sie hieß wirklich so (und der Name ist von der Redaktion nicht geändert). Er machte die Sendung mit der Maus und setzt zur Erklärung an: „Guck Dir nur mal an wie verschrumpelt die schon sind und Flecken haben die…“

 

Achtung Hochspannung. Sie stampfte mit dem Fuß auf, zischte unmissverständlich etwas Unverständliches und schnappte sich die Zitronen aus seinen Fingern. Mit ordentlich Dampf auf dem Kessel marschierte sie auf harten Hacken in die Tiefen des Marktes. Man hörte sie noch, als man sie schon längst nicht mehr sah. Wenig später kam sie mit makellosen Industrie-Zitronen, so groß wie kleine Handgranaten wieder, die Uhugelb und spiegelglatt aus dem Netz heraus glänzten, und pfefferte sie aufs Förderband. Der Rest war Schweigen, nur die Kassiererin sagte: „43 Euro 76 bitte. Sammeln Sie Punkte? Schönen Abend noch.“ Na, den werden die beiden doch sicherlich gehabt haben.

 

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 7. März 2017

 


Ach, könnte doch bloß immer Aschermittwoch sein!

 

Wir hier im Norden sind scheinbar anfällig für jeden noch so dämlichen Unterhaltungsmist. Im Zuge vom hier immer hipper werdenden „Thanksgiving“ wird der noch populärere „Black Friday“ als Weltrabatttag mit wachsender Begeisterung abgefeiert wie die allerletzte Ladies Night im Fun. Für den „Super Bowl“ bleiben sogar die Leute nachts wach, die sich sonst ein Jahr lang nicht im Geringsten für Tennis interessieren und wer glaubt, der abgekarteten Oscar-Verleihung ginge ein fairer Wettbewerb voraus, der kriegt von mir demnächst einmal ein paar gelangt.

 

Und dann immer dieser Karneval! Als wenn auch nur einer in Mainz einen Hafengeburtstag mit Schlepperballett feiern würde. In ganz Köln gibt es keine Kieler Woche und von Düsseldorf fang ich gar nicht erst an.

 

Wenn man also schon norddeutsche Feierkultur im Rheinland vergebens sucht, warum also bitte bricht der kulturelle Sperrmüll von dort eigentlich jedes Jahr über uns herein? Sind wir hier im Norden wirklich so dermaßen unterfeiert, dass wir neben importierten Oktoberfesten aus Bayern und Halloween-Krawallen nach amerikanischem Vorbild überall auch noch das verordnete Saufen in dämlicher Verkleidung ertragen müssen?

 

Gewöhnt haben wir uns ja bereits an die alteingesessenen, regionalen Karnevalshochburgen Marne und Moorrege. In Glückstadt ist im letzten Jahr die Gründung einer stadteigenen Karnevalsgesellschaft kurz vorm Gang zum Amt doch noch gescheitert; dafür knatterten kürzlich in Wewelsfleth die Trecker beim längsten und wohl auch ausgelassensten Faschingsumzug im gesamten Kreis Steinburg durchs Dorf. Fünf Mottowagen, zwei Musikkapellen und mehrere verwirrte Einzelpersonen irrten durch die sonst so friedliche Gemeinde. Beängstigend!

 

Naturgemäß halten sich Karnevalisten für die lustigsten Menschen der Welt, wenn sie jedes Jahr wieder Witze aus dem Mittelalter (und wir wissen, was für eine finstere Zeit das war) recyceln und beim Männerballett untrainierte Herren mit schlaffen Pobacken und ausladendem Frikadellenwanst ihre dürren Kackstelzen in Strumpfhosen schwingen.

 

Demnach erscheint es mir nur eine Frage der Zeit, wann in Elmshorn der erste Spaßvogel die Gründung eines Karnevalsvereins für zwingend notwendig hält. Dann wird die rosarote Krähengarde feierlich durch die leere Königstraße ziehen und überall erschallt es endlustig „Elmshorn – supernormal! Elmshorn – supernormal. Elmshorn – supernormal!“ Ach, könnte doch bloß immer Aschermittwoch sein!

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 28. Februar 2017


„Lauf man nicht so weit weg, Schätzchen!“

 

Gerade kürzlich. Ich stand auf dem Bahnsteig und wartete mit ein paar anderen Leuten auf den Zug. Ein paar Meter entfernt kramte eine junge Mutter umständlich in ihrem Rucksack und suchte anscheinend irgendwas in den Untiefen des riesigen Tragebehälters. Ihre gesamte Konzentration lag vollends auf dem Gewühle im Sack, sodass sich ihr etwa zwei, drei Jahre alter Sohn unbemerkt ein paar Schritte von ihr entfernen konnte, wohl um mal neugierig zu gucken, was auf den nahen Gleisen so los ist.

 

Eine freundliche, ältere Dame hatte das scheinbar beobachtet und fühlte sich nun verantwortlich womögliches Unglück zu vermeiden und sagte fürsorglich in diesem typischen, lieben Oma-Singsang zu dem jungen Wandersmann „Lauf man nicht so weit weg, Schätzchen!“ Mehr nicht. Gut gemacht; die Situation erkannt, sich gekümmert, nicht geschimpft und auch nicht die theatralische Besserwissertour gefahren und Klugscheißer-Erziehungsratschläge erteilt.

 

Dann. Auf einmal stand die Welt still, die Vögel hörten auf zu zwitschern und in allen Vulkanen der Welt, auch in den inaktiven, begann es mächtig zu grummeln. Die Rucksack-Mutti guckte hoch und fing sofort an stadtteillaut zu keifen: „Sie nennen meinen Sohn nicht `Schätzchen`, ja“! Die ältere Dame stutzte: „Aber ich wollte doch nur…“ Mutter Oberin fiel ihr noch lauter ins Wort und motzte die Omi standrechtlich nieder. Ihre maschinengewehrgleiche Argumentationskette reichte von „So fängt das nämlich immer an…“ und „Tüte Bonbons…“ bis hin zu „Mitschnacken“ und endete bei irgendwas mit Anzeigen und „… schon sehen, was dabei raus kommt“.

 

Immer wieder versuchte Oma Duck sich beschwichtigend zu verteidigen, doch kam sie gegen die 1000-Grad-Mutter, die sich anschickte sich im nächsten Moment vor Wut weißglühend rotierend in den Erdboden zu bohren, nicht gegen an. Mittlerweile hatten sich alle Umstehenden ebenfalls um ein paar Schritte entfernt. Sicher ist sicher.    

 

Es hörte nicht auf. Als unbeteiligter Zeuge dieser schier unfassbaren Szene war man gewillt einzugreifen und der einen Frau, die nicht wusste wie ihr geschah schützend zur Seite zu stehen und der anderen wollte man am liebsten den Rucksack achtkantig um die Ohren hauen, wenn es nur nicht verboten wäre. Selbst „Nun halt doch mal endlich die Fresse, Schätzchen!“, was mir in den Sinn kam, verkniff ich mir, denn musste ich mir doch gerade in der Woche zuvor erst anhören, dass mich Penner einige Dinge nur mal gefälligst nichts angehen.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 21. Februar 2017

 


So ein Penner!

Elmshorn, ein Grad plus, leichter Nieselregen zieht über die Stadt, die immer schläft. Also alles irgendwie normal. Da geht man so da längs und denkt an alles, nur an nichts Böses, und plötzlich das: „Ey, Tiedemann, Du bist so ein Penner!“ Hoppla. Da ist man dann doch schon leicht vor den Kopf gestoßen und denkt, dass man auch schon mal netter begrüßt wurde.

 

Im Grunde ignoriere ich so etwas gut und gerne, doch beim Hören meines Namens drehte ich mich natürlich sofort um. Der „Penner“ kam ja erst am Schluss. Tja, man soll die Leute doch immer erst ausreden lassen. Und gerade als ich mich über diese unpassende Diffamierung echauffieren wollte und meinen Denunzianten darüber belehren wollte, notfalls mit verbalem Nachdruck und körperlicher Gewalt, dass man sich doch lieb haben soll, und dass es vor allem nicht mehr „Penner“ heißt und man nicht einmal „Obdachloser“ sagen darf, denn als politisch, sozial korrekter und vollveganer Freilandeier-Öko-Delfinbefreier sagt man heute nur noch „Wohnungssuchender“, auch wenn er (genderkonform natürlich auch sie, die „Wohnungssuchende“) aktiv gar nicht sucht, da merkte ich, dass ich gar nicht gemeint war.

 

Die Verunglimpfung in Verbindung mit meinem Nachnamen hatte einen Jungen von etwa 12 Jahren als Adressaten, der hinter mir an der roten Fußgängerampel über die Fahrbahn gerannt ist, obwohl ein Auto nahte. Nicht verwandt oder verschwägert. Seine auf der anderen Straßenseite stehen gebliebenen, vermeintlichen Klassenkameraden straften ihn für diese dämliche Auktion zu Recht verbal ab.

 

Als Fußgänger bei Rot die Straße zu überqueren kostet 5 Euro, mit dem Rad sogar 60 und einen Punkt auf dem Flensburger Sparkonto kriegt man umsonst noch dazu. Fragen Sie mich nicht, vorher ich das weiß. Und vermindert nüchtern auf dem Rad kostet sogar noch mehr und zieht richtig Ärger nach sich, da braucht man nicht einmal eine Ampel (Farbe egal) zu überfahren.  

 

Da wirken 5 Euro geradezu niedlich und die heutige Jugend verfügt in der Regel um genug Barmittel um solche Beträge direkt aus der Hosentasche heraus zu bezahlen, dennoch fühlte ich mich veranlasst den jungen Verkehrssünder über die Höhe des Verwarngeldes in Kenntnis zu setzen und ihn wegen seines leichtsinnigen Handelns leicht zu tadeln.

 

Diesen Versuch sozialer Disziplinierung hätte ich mir sparen können. Er guckte mich abschätzig an und raunzte „Was geht Dich das an!“ und ich dachte im nächsten Moment nur eines: „Ey, Tiedemann, Du bist tatsächlich so ein Penner!“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 14. Februar 2017

 


Wer hat mir die Radkappe geklaut?

Ich hab echt einen Puls wie ein Hydrant. Ich bin nicht wütend, aber ich könnte jetzt alles kurz und klein schlagen! Es sind ja nicht die großen Dinge, die einem das Leben schwer machen, sondern die kleinen Nichtigkeiten, die einem den Alltag vermiesen.
Ich dachte letztens, ich guck nicht richtig. Da latschte ich vor ein paar Tagen zu meinem Auto und sah, da fehlt an meinem Auto vorne rechts doch die Radkappe. Weg! Futsch! Fort vom VW! So eine Radkappe fällt nicht einfach ab wie ein überreifer Apfel vom Baum. Nicht, wenn man das Gaspedal so weit durchdrückt, dass man mit dem Fuß schon fast in die Ölwanne tritt und erst recht nicht, wenn man irgendwo parkt. Eine Radkappe muss man schon mit sehr viel Kraft und etwas sanfter Gewalt von der Felge lösen. Also bleibt nur eine realistische Wahrscheinlichkeit übrig – da war einer mit krimineller Energie an meinem Auto zugange.
Als ich das sah, stand ich erst einmal minutenlang ungläubig vor der nackten Felge und konnte es nicht glauben. Wer klaut bitteschön eine einzelne Radkappe? Und dann noch so eine abgenudelte Olle mit Bordsteinkratzern und Heckenmacken? Und vor allem warum? Als Liebhaberstück funktioniert die Plastikscheibe wohl kaum und sollte es eine Mutprobe gewesen sein, dann empfinde ich nur größtes Mitleid mit diesem Möchtegern-Gollum. In welchem Universum beweist sich der Mutige an solchen Taten? Als ich einigermaßen wieder klar denken konnte, gingen die ersten nicht jugendfreien Flüche und ehrabschneidenden Verwünschungen des Diebes direkt in die kalte Elmshorner Abendluft.
Natürlich, man kann zwar weiterhin mit dem Auto fahren; bis auf das Gefühl, der Wagen zieht ein wenig nach rechts. Es kann aber auch nur Einbildung sein. Auf alle Fälle ist ein Auto aber mit nur drei Radkappen nicht nur nicht komplett, sondern sieht auch hässlich aus. Wie wenn einem ein Schneidezahn fehlt oder der Friseur aus Versehen plötzlich niesen musste und mit der Schere beim Ponyschneiden zu weit und schräge nach oben geschnitten hat.
Aber darum geht es im Grunde gar nicht. Ich bin erzürnt! Wer einem Mann die Radkappe stielt, der kann keine ehrbare Person sein und verdient eine hohe Strafe und zu tiefst alle Verachtung! Frei nach Professor Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“ sage ich nur „Wenn ich den Saujungen krieg´, der mich die Radkappe weggetan hat ...“
Also, Bürschchen, tu‘ Dir selbst was Gutes und gib mir mein Radkäppchen zurück, dann passiert Dir nichts! Versprochen.

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 7. Februar 2017


Bist Du noch super oder schon normal?

 

Nun ist es also raus. Elmshorn ist „supernormal“. Ja, wir alle haben uns nicht verhört oder verlesen, aber wir sind nachhaltig verstört. Die großartigste Stadt auf diesem Planeten ist also nichts weiter als normal. So wie Schneeregen im Winter, der mit der Zeit verkalkte Heizstab von der Waschmaschine und eine Körpertemperatur zwischen 36,3 und 37,4 Grad. Heiß ist was anderes und auf alle Fälle nicht Elmshorn.

 

Anscheinend aus einem unbegreiflichen Minderwertigkeitsgedanken heraus und dem Streben nach Beachtung im testosteronschwangeren Gepose der Städtenachbarn, der erschlankten Metropolregion Hamburg (ehemals unter dem adipösen Schlagwort „Speckgürtel“ bekannt) und der ganzen digitalen Welt entstanden, schreibt sich die Haferflockenmetropole und Teppichstadt nun das Kompositum „supernormal“ auf die telekompinke Fahne. Während die ähnlich unzufriedenen Nachbargehöfte sich mit konspirativen Verklausulierungen schmücken (Pinneberg: „Persönlich. Ehrlich. Anders“) oder sich selbst auf die Schippe nehmen (Wedel: „Die Stadt mit frischem Wind“, Glückstadt: „Ihr Erholungsort an der Elbe“), möchte Elmshorn nun allen Ernstes den Durchschnitt zum neuen Superlativ ernennen.

 

Bemerkenswert an der ganzen Geschichte ist doch, dass man für eine Tatsache, die eigentlich längst jeder wusste und nun niemanden weiter überrascht, einen Batzen Geld ausgegeben hat, um ein lasches Ergebnis mit einer durchgeknallten Farbe zu präsentieren. Vor ein paar Jahren versuchte man es hier in der gewitzten Gemeinde der Dichter und Denker noch mit dem selbstsicheren Motto „Wir sind Kult“. Darüber konnte man zumindest noch herzhaft lachen. Nun bleiben einem nur das entsetzte Kopfschütteln und die Hoffnung auf schnelles Vergessen der selbst auferlegten Normalität. Wir können uns das ja schließlich nun nicht alle schön saufen.

 

Mal ehrlich, den Normal-Slogan hätte ich auch „kreieren“ können - für einen großen, zweistelligen Betrag. Man hätte mich nur nachts kurz wecken oder morgens auf dem Bahnhof von der Seite anquatschen müssen. Aber mich fragt ja keiner. Warum braucht Elmshorn überhaupt einen Slogan? Und muss die Devise der Stadt dann wirklich irgendwo zwischen IKEA-Einrichtungskultur und Media-Markt-Geilheit liegen? Edeka war zumindest noch supergeil, doch Elmshorn ist nur supernormal. Schnarch!

 

„Elmshorn – nicht so scheiße wie Pinneberg!“, das wäre zumindest ein Slogan, an dem man sich wirklich hätte reiben können.

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 31. Januar 2017

 

 


Vier Freundinnen, aber nur ein Zahnarzt

 

Mindestens einmal im Jahr geht man für gewöhnlich zum Zahnarzt, sofern man nicht zwischendurch unglücklich auf eine Nuss oder Granit gebissen hat oder sich Teile der Kauleiste aus Versehen bei einem Trunkenheitssturz am Fahrradlenker komplett zertrümmert hat. Okay, im letzten Fall kann der Doktor dann wohl auch nichts mehr machen, außer ein paar Rezepte für Suppe herauszugeben.  

 

Es gibt Schlimmeres, als zum Zahnarzt zu gehen, zum Beispiel in den Zirkus oder in den Zoo. Aber niemand geht wirklich gerne zum Zahnarzt, mutmaßlich nicht einmal der Zahnarzt selbst. Es ist schon eine intime Angelegenheit das Maul derart weit aufzureißen und einen mehr oder minder Fremden auf die kleinen und großen Nachlässigkeiten der eigenen Mundhygiene blicken zu lassen, und ihn dann sagen hören „Uuuh, da müssen wir aber mal schleunigst ran!“ Dann bittet er eine zweite Assistentin dazu und ruft nach vorne zum Empfang „Sagen Sie alle folgenden Termine für heute ab!“ Und das morgens um kurz nach zehn.   

 

Dann ist es gut, dass man einen Arzt hat, dem man vertraut; der ein Zahnmediziner ist, der sensibel, aber bestimmt, die Balance zwischen professioneller Arbeit und menschlicher Feinfühligkeit findet.

 

Die Wahl des Zahnarztes ist eine Entscheidung fürs Leben. In den letzten 25 Jahren hatte ich vier Freundinnen, aber immer nur den einen Zahnarzt. Das sagt doch alles. In meiner Kindheit war ich nacheinander bei zwei Zahnärzten, deren dentalen Praktiken irgendwo zwischen Exorzismus und Schächtung lagen. So beginnen Traumata, die einem das Leben versauen. Seitdem ist das schrille Kreischen des Bohrers für mich der Sound des Leidens.              

 

Um für dieses Jahr die routinemäßige Visite anzugehen, bin ich letzte Woche zu Gemeinschaftspraxis meines Zahnarztes gedackelt. Ich ging zur Rezeption und sagte, dass ich gerne einen Termin hätte. Die freundliche Helferin hackte meinen Namen in den Computer und wandte sich mir dann wieder zu, um mit einem blendend weißen Lächeln mit Zähnen so weiß wie Klaviertasten mitzuteilen, dass mein Zahnarzt vor drei Wochen in Rente gegangen sei.

 

Ich muss einige Momente wie apathisch da gestanden haben, ich dachte an alles und an nichts. Das war schwer zu akzeptieren. Also bleiben mir nur zwei reale Möglichkeiten – entweder dem Nachfolger des Pensionärs eine Chance zu geben oder selbst ein Studium der Zahnmedizin zu beginnen, um mein eigener Zahnarzt zu werden. Schließlich schneide ich mir seit Jahren auch selbst die Haare und es funktioniert.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 24. Januar 2017

 


Der SUV – der Moonboot unter den Autos

 

Wer braucht eigentlich einen Geländewagen? Förster Martin Rombach vom „Forsthaus Falkenau“ braucht einen, Stuntman und Kopfgeldjäger Colt Seavers braucht für alle Fälle unbedingt einen und dann natürlich noch die Leute von der Wameru-Tierstation aus der Fernsehserie „Daktari“. Für sie alle ist so ein Fahrzeug unabdingbar, um im Wald zeltende Jugendliche auf die Gefahr von Waldbränden aufmerksam zu machen, Holzdiebe in schwer zugänglichem Gelände zu stellen, Gauner und Spitzbuben mit waghalsigen Verfolgungsjagden nachzusetzen oder aber verletzte Tierbabys aus der Savanne vor Wilderern zu retten und den schielenden Löwen Clarence durch die Gegend zu fahren. Niemand sonst, also wirklich keiner, braucht einen Geländewagen.

 

Umso erstaunlicher ist es, dass selbst in Elmshorn, einem relativ ebenen, größtenteils unbewaldeten Verkehrsgebiet, ohne tägliche, motorisierte Hetzjagden auf Gesetzesbrecher und Rettungstransporte durch Jagdfrevel gefährdete Großwildkatzen immer mehr moderne Geländewagen oder SUVs, wie man heute sagt, unterwegs sind. Auch ohne leistungsstarkes Off-Road-Fahrzeug kommt man hier gut von A nach B und von Edeka nach Hause.

 

Diese Art Auto ist derzeit einfach angesagt, was noch einmal mehr verwunderlich ist, denn sonderlich schön sind sie nicht, und ob sie wirklich so praktisch sind, wie uns die Reklame glauben machen will, ist auch anzuzweifeln. Ein SUV, quasi der Moonboot unter den Autos, sieht aus wie ein Altglascontainer auf wuchtigen Rädern, nur mit abgedunkelten Fenstern und einer Stoßstange so mächtig wie eine Leitplanke von der Autobahn. Sie sind ein bisschen zu groß, ein Stück zu breit und haben immer Namen wie mathematische Variable und Formeln oder hässliche Gestalten aus den Herr-der-Ringe-Filmen.

 

In der Kalahari kann man mit so einem Auto zwar problemlos Antilopen jagen, aber hierzulande nicht wirklich einen Parkplatz finden; vorm Ärztehaus braucht der Rentner-Patient mit seinem urbanen Panzer zwei in der Breite und am besten hinten auch noch einen. Wer sich das chirurgische Einzirkeln in zwei Parkbuchten via Rückfahrkamera und millimeterweise Vortasten mit dem stundenlang piependen Abstandsassistenten ersparen will, weil er inzwischen einen Gerontologentermin verpasst hat oder mittlerweile der TÜV abläuft, der parkt lieber gleich in der Feuerwehrzufahrt oder in der nahen Bushaltestelle.

 

Ja, fahren kann man auch mit einem kleinen Auto, ein richtiges Ego passt aber nur in einen Geländewagen.

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 17. Januar 2017

 


Dringend eine Aufheiterung

 

Es ist später Nachmittag, fühlt sich aber an wie mitten in der Nacht. Es regnet, es weht und kalt ist es auch irgendwie. Irgendwo in der Innenstadt ist ein gelber Sack geplatzt, weil ein irgendein Trottel mit dem Fahrrad dagegen gefahren ist oder so. Nun wehen Aufschnittverpackungen, Obsttüten, Naschipapier und leere Joghurtbecher durch die Fußgängerzone. Ein trauriges Bild, wie der Wind den Wohlstand von gestern spielend leicht von einer Straßenseite zur anderen weht und wieder zurück.

 

Jemand Blödes ist, wahrscheinlich beim Handyglotzen, in Hundescheiße gelatscht und man kann seine Spur durch die halbe Stadt verfolgen. Einfältige Mittelstufenmädchen im dekadenten Einheitslook, alle mit der gleichen, gewollt kaputten Jeans, Stiefelletten mit Glitzerapplikationen und schwarzen Wellensteyn Jacken lachen übertrieben schrill über Schrott aus dem Smartphone und bärtige Mittzwanziger in Sportklamotten versuchen durch grammatikfreie Gossensprache und Gebärden aus dem Fitnessstudio sich gegenseitig im Der-Größte-sein zu übertrumpfen. Aus dem Klamottenladen dröhnt Musik lauter als aus jeder Disco, vorm Drogeriemarkt steht eine Palette Shampoo im Angebot und im Brötchenladen piept der Backofen, weil die nächste Ladung Billigsemmel fertig ist für das hungrige Fressvolk. Etwas Ähnliches wie Kaffee aus Baumrinde für Eineurofünfzig.

 

Wäre Elmshorn was zu essen, dann wäre es an Tagen wie diesen Erbsensuppe vom Discounter – billig, macht ein bisschen satt, sieht aber nicht wirklich appetitlich aus.

 

Durch diese Abendstimmung gehe ich zu meinem Auto auf dem Parkdeck beim Steindammpark. Wenn ich Glück habe, werde ich zu dieser Zeit dort noch nicht verhauen und bei meinem Wagen sind noch alle Scheiben heil. Wenn ich mich beeile, dann bin ich sogar noch vor den geschniegelten Halbstarken dort, die mit ihren übertrieben großen BMWs und Audis lauten Computerkrach hören und Fast-Food-Tüten in die Gegend schmeißen.

 

Ich brauche dringend eine Aufheiterung. An der Kreuzung in Richtung Bahnhof bellt eine überstrapazierte RTL2-Mutter ihr dickes Kind an, dass es „aufe Ampel drücken“ kann, wenn es dann nur endlich aufhört zu heulen. Zu meinem nicht gerade sonderlich großen Bedauern habe ich just einen halben Moment vorher auf den Ampelknopf gedrückt. Das Weinen hört für eine Sekunde auf, geht dann aber dreimal so laut von vorne los. „Danke, das habe ich gerade noch gebraucht!“, schnauzt das Mutterschiff mich an. Und ich antworte lächelnd: „Ja, ich auch!“

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 10. Januar 2017

 

 


Der kurze Zisch vorm lauten Bumm

 

Am letzten Donnerstag ab schätzungsweise 7 Uhr wurden in Elmshorn die ersten Feuerwerksartikel verkauft. Zumindest offiziell. Denn schon Tage vorher knallte es ordentlich im Viertel. Scheinbar konnte die Polizei nicht alle auf dem Schulhof und an dunklen Ecken illegal gehandelten Polenböller sicherstellen. Und die Einschläge kamen dichter!

 

Als im Morgengrauen am Heiligabend nach einer heftigen Detonation in der Straßenschlucht, in der ich wohne, alle meine Tassen im Schrank klirrten, zog ich auf einen Schlag hellwach einen Schreckmoment später das Rollo vom Schlafzimmerfenster hoch und hielt nach dem logisch folgenden Atompilz Ausschau. Es war jedoch nichts zu sehen, außer der hässlich blinkenden Weihnachtsdekoration am Haus gegenüber, die immer noch den Eindruck macht, als hätte dort ein Puff eröffnet. Nach wie vor glaube ich jedoch, dass es was mit Weihnachten zu tun hat. Aber wenn es Mitte Januar dort immer noch hässlich blinkt, dann geh ich vielleicht mal rüber. Gucken kann man ja mal.      

 

Die folgende Woche bis zum Jahreswechsel wurde dann zum knallenden Countdown explosionswütiger Totalidioten. Tagsüber hörte man nur vereinzelte Knalls, gegen Abend und im Schutz der Dunkelheit zogen dann aber etliche Sprengkommandos minderjähriger Flachköppe und mental nicht zurechnungsfähiger Dämlacks durch die Straßen. Den offenen Rucksack voll mit Böllern nach vorne über die Schulter gehängt, wurde geballert, was das Zeug hält.

 

Ich kann durchaus die einfältige Freude am kurzen Zisch und dem unmittelbar folgenden Bumm ganz gut nachvollziehen, schließlich war auch ich mal zwischen fünf und 21 Jahre alt und mit der innerlichen Überzeugung ausgestattet, mit dem Abbrennen von Feuerwerk für einen Abend lang mit der absoluten Macht und einem Skrotum aus Stahl ausgestattet zu sein. Mir reichte es damals jedoch alleinig dem Nervenkitzel zu unterliegen den Knaller rechtzeitig in die menschenleere Gegend zu schmeißen und mich an der Lautstärke des explodierenden Papiers zu erfreuen und die nach illegaler Freiheit riechende Rauchschwade zu atmen.

 

Heute zweifele ich sehr an der Zurechnungsfähigkeit dieser Nachbarschafts-IS, wenn sie die Knaller auf Balkone und unter fahrende Autos oder sich gegenseitig vor die Füße schmeißen oder in die Kapuze stecken. Da hilft wohl auch kein Finger weniger, denn die Dämlichkeit ist immer noch lauter als jedes „Bumm“ und schneller als das kürzeste „Zisch“!

 

 

Elmshorner Nachrichten, Tiedemanns Elbansichten vom 3. Januar 2017